Hans-Werner Sinn

Nationalökonomie & Finanzwissenschaft

Deutschland darf seine Exporte nicht weiter verschenken

Interview mit Hans-Werner Sinn
ZDF Royal - heute.de, 14.06.2012

Zum Austritt Griechenlands aus der Währungsunion sieht Hans-Werner Sinn, Präsident des Münchner ifo-Instituts, keine Alternative. Es habe keinen Sinn, weiter Exporte an die Südländer zu verschenken, sagte er im heute.de-Interview. Sie müssten zuerst wieder wettbewerbsfähig werden.

heute.de: Gibt es für Griechenland noch eine Zukunft in der Währungsunion?

Hans-Werner Sinn: Nein. Zum Austritt gibt es keine wirklich funktionsfähige Alternative. Wichtiger als politische Erwägungen sind ökonomische. Griechenland müsste um ein Drittel abwerten, um wieder das Preisniveau seiner Wettbewerber, insbesondere der Türkei zu erreichen. Das durch eine Sparpolitik herbeizuführen, die die griechischen Preise im Euroraum senkt, würde das Land überfordern und an den Rand des Bürgerkriegs treiben.
Das Land ist ökonomisch im Absturz begriffen, weil seine Wettbewerbsfähigkeit hoffnungslos verloren ist. Nur über einen Austritt und die Abwertung der Drachme hat Griechenland die Chance, wieder Arbeitsplätze für seine jungen Menschen zu schaffen.

heute.de: Aber ein Austritt Griechenlands könnte eine Kettenreaktion bewirken, erste Konsequenzen sind ja schon jetzt an Spanien und Italien zu sehen.

Sinn: Schon, aber schlimmer wäre die Kettenreaktion, wenn Griechenland nicht austräte. Denn dann müsste Deutschland diese Staaten und neuerdings auch deren Bankensysteme retten, indem es sich an der Haftung und letztlich auch an der Tilgung der Schulden beteiligt. Das würde das deutsche Staatswesen so massiv schädigen und die Zukunftschancen unserer Kinder in so enormem Maß beeinträchtigen, dass man das nicht guten Gewissens empfehlen kann.

heute.de: Der Chef-Ökonom der Unctad, Heiner Flassbeck, hat vor einigen Tagen im heute.de-Interview vor den Folgen für Deutschland gewarnt, weil damit diese Exportmärkte für zehn Jahre verloren wären.

Sinn: Die Frage ist nicht, ob Krisenländer austreten, sondern ob wir ihnen weiter das Geld leihen wollen, mit dem sie unsere Exporte kaufen. Das können wir nicht dauerhaft tun. Die Südländer haben schon jetzt viel mehr Schulden aufgehäuft, als sie zurückzahlen können. Ich befürchte, dass wir unsere Exporte in den vergangenen drei Jahren schon verschenkt haben. Denn der Süden hat bei der Bundesbank anschreiben lassen, und die Bundesbank hat die Exporteure dann bezahlt. Sie hat so mittlerweile 700 Milliarden Euro an Kreditforderungen gegen die anderen Euroländer angehäuft.
Die deutschen Ersparnisse, die direkt und indirekt aus den Exporterlösen gebildet wurden, bestehen mittlerweile zunehmend aus Forderungen unserer Banken gegen die Bundesbank. Wenn die deutschen Sparer ihr Geld später einmal von der Bundesbank zurück haben wollen, wird es der nicht gelingen, es bei den anderen Notenbanken des EZB-Systems einzutreiben. Das kann so nicht weitergehen.

heute.de: Heiner Flassbeck meint auch, die Deutschen trügen Mitschuld an der Krise, weil sie unter dem vereinbarten Inflationsziel von knapp zwei Prozent geblieben seien und so ihre Wettbewerbsfähigkeit auf Kosten der Partnerländer verbessert hätten.

Sinn: Das Inflationsziel der Europäischen Zentralbank ist nur als Obergrenze zu interpretieren, nicht als Ziel oder gar Untergrenze. Dass bei uns die Preise weniger gestiegen sind, ist im Übrigen nicht die böse Absicht der Deutschen, sondern Ergebnis der Wirtschaftsflaute, die uns der Euro zunächst gebracht hatte. Denn mit der Ankündigung der Währungsunion 1995 verschwand die Wechselkursunsicherheit und das deutsche Sparkapital floss ins Ausland, statt hier investiert zu werden. Das hat Südeuropa einen inflationären Wirtschaftsboom beschert und Deutschland in die Flaute getrieben.
Das hat auch zu einer Massenarbeitslosigkeit geführt, die die Regierung Schröder zu schmerzhaften Sozialreformen zwang. Die Löhne und in der Folge auch die Preise sind wegen der Arbeitslosigkeit kaum noch gestiegen. Aus der Not heraus wurden wir wettbewerbsfähiger. Der Umschwung kam aber erst mit der Krise. Als der erste Sturm der Krise vorbei war, stiegen die Investitionen, weil die Anleger sich nicht mehr aus dem Heimathafen heraustrauten. Das trieb den Boom der letzten zwei Jahre.

heute.de: Schauen wir in die Zukunft, Professor Sinn: Bleibt die Währungsunion aus bestehen – und wenn ja, in welcher Form?

Sinn: Die Wahrscheinlichkeit, dass sie in den nächsten drei Jahren ganz zerbricht, schätzen Portfoliomanager heute auf ein Drittel. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein oder zwei Länder austreten werden, liegt nach meiner Einschätzung bei etwa 90 Prozent. Ich hoffe, dass wir den Rest durch diese Austritte stabilisieren können.
Zu den Ländern, die es schaffen könnten, durch eine etwa ein Jahrzehnt währende Stagnation wettbewerbsfähig zu werden, rechne ich Italien und Frankreich. Bei Spanien bin ich mir weniger sicher. Aber jedes Land muss für sich selbst entscheiden. Man sollte nur den Ländern die Entscheidung nicht durch immer wieder neue Hilfspakete abnehmen, die zum Schluss die Stabilität des deutschen Staates und damit des gesamten Euroraums gefährden.

heute.de: Könnte man nicht daneben das Wachstum fördern?

Sinn: Das ist politisches Geplänkel. Die nackte Wahrheit ist, dass Länder, die über ihre Verhältnisse leben und Außenhandelsdefizite haben, schrumpfen müssen, damit sie weniger importieren. Man kann aus Außenhandelsdefiziten nicht herauswachsen, sondern nur herausschrumpfen. Das geht schon gar nicht mit schuldenfinanzierten Programmen, wie sie jetzt von Politikern propagiert werden. Langfristig wachsen kann man im Übrigen nur, wenn man nicht über seine Verhältnisse lebt, sondern spart.

Das Interview führte Brigitte Scholtes