Wer bietet mehr?

Presseecho Rezension, Rheinischer Merkur, 10.11.2005

DEBATTE / Gustav A. Horn widerspricht der "Basarökonomie"-These von Hans-Werner Sinn

Das neue Buch des Ifo- Präsidenten sollte dessen Kritiker besänftigen. Doch beim Paradelinken unter den deutschen Ökonomen findet es keine Gnade.

Von Gustav A. Horn

"Muss ich das gelesen haben?“, dieser Ausruf eines berühmten Literaturkritikers entschlüpft auch vielen Ökonomen angesichts der Fülle von vielen guten und noch mehr schlechten Büchern zur wirtschaftlichen Krisenlage Deutschlands. Manche Autoren sollte man vielleicht dezent darauf hinweisen, dass Kassandra, auch wenn sie Recht hatte, umgebracht wurde. Das könnte so manches Buch vermeiden helfen.

So geht man also mit einer gehörigen Portion Skepsis an das neueste Buch der deutschen Oberkassandra, Hans-Werner Sinn – und wird positiv enttäuscht. Wie kein Zweiter der ökonomischen Institutspräsidenten versteht es Sinn, seine Sichtweise der Dinge dem Leser in klarer Schreibe deutlich zu machen. Sein Buch „Die Basarökonomie“ ist mit Leidenschaft geschrieben und setzt sich, auch dies sonst eher selten der Fall, differenziert mit der Position seiner intellektuellen Gegner auseinander und verschweigt auch nicht die Vermehrung eigener Erkenntnisse.

Worum geht es? Hans-Werner Sinn ist inzwischen berühmt für seine Basar-Hypothese. Diese besagt, dass die Globalisierung allmählich die Fähigkeit der deutschen Volkswirtschaft zur Wertschöpfung und damit zur Beschäftigung im eigenen Lande auszehrt. Ursache seien die zu hohen Löhne, die eine forcierte Verlagerung insbesondere arbeitsintensiver Produktion ins Ausland lohnend mache. In Deutschland verbleibe im Kern kaum mehr als Wertschöpfung aus Handels- und Dienstleistungsaktivitäten, eben der Basar, und damit auch eine hohe Arbeitslosigkeit.

Diese These wurde umstritten diskutiert, und Sinn setzt sich in seinem neuesten Buch mit seinen Kritikern auseinander. Wesentlich ist dabei die Frage, woran man eigentlich ersehen kann, dass Deutschland auf dem Weg in eine Basarökonomie sei. Angesichts seines Anspruches – schließlich soll das Buch eine umfassende Erklärung für Deutschlands Probleme liefern – wird Sinn an dieser Stelle sehr bescheiden. Seiner Meinung nach ist es schon ein Beleg für seine Aussage, wenn ein immer größerer Teil der Wertschöpfung einzelner Produkte im Ausland erstellt wird, während hierzulande zugleich Arbeitslosigkeit herrscht.

Beides ist unbestritten der Fall. Doch im Hinblick auf eine Basarisierung der deutschen Wirtschaft sagen beide Phänomene noch gar nichts aus. Denn ob Deutschland wirklich immer weniger Wertschöpfung aus dem Außenhandel bezieht, hängt nicht nur vom Wertschöpfungsanteil je Produkt ab, sondern auch davon, wie viele Produkte deutsche Unternehmen überhaupt auf den Weltmärkten verkaufen. Ersteres ist lediglich ein Beleg für den Aufbau internationaler Wertschöpfungsketten. Dies ist aber im Zeitalter der Globalisierung, in dem die komparativen Vorteile zahlloser Volkswirtschaften genutzt werden können, nicht überraschend.

Eine Vielzahl von Autoren kommt jedoch zu dem Schluss, dass der zweite Effekt überwiegt, wie man an den zunehmenden Außenhandelsüberschüssen ablesen könne. Diese zeigen an, dass die Wertschöpfung durch Außenhandel hierzulande im Gegensatz zu Sinns Hypothese sogar zunimmt. Vor allem ist die deutsche Wirtschaft nicht zuletzt deshalb so wettbewerbsfähig, eben weil sie ihre Vorproduktion teilweise ins Ausland verlagert hat.

Sinn ficht dieser Einwand nicht an. Er erklärt die Außenhandelsüberschüsse gänzlich anders. Für ihn sind sie Ausdruck mangelnder Binnennachfrage, die sich insbesondere aus Investitionszurückhaltung ergebe. Wegen der zu hohen Löhne würden deutsche Unternehmen ihr Kapital lieber im Ausland investieren. Es ist zwar richtig, dass die deutsche Binnennachfrage im internationalen Vergleich sehr schwach ist. Dies erklärt jedoch sicherlich nur einen Teil des Außenhandelsüberschusses.

Wenig überzeugend ist zudem das Sinnsche Argument, dies alles sei letztlich auf überhöhte Löhne in Deutschland zurückzuführen. Wäre dies der Fall, sollte man eine mittelprächtige Konsumnachfrage, hohe Importe und eine desaströse Investitionstätigkeit erwarten. Diese Phänomene waren in Volkswirtschaften mit erheblichen Wettbewerbsproblemen wie Großbritannien und den Niederlanden zu Beginn der achtziger Jahre sowie in Ostdeutschland unmittelbar nach der Wiedervereinigung zu beobachten. Keines dieser Merkmale trifft aber auf Deutschland im Jahre 2005 zu. Hier sind die Investitionen in Maschinen mittelprächtig, die Importe – wie Sinn ja selbst zugibt – niedrig und die Konsumnachfrage desaströs. Dies spricht eher für einen Nachfragemangel als für ein Angebotsproblem.

Sinn belegt seine These zu hoher Löhne mit einem internationalen Vergleich der Stundenlöhne in der Industrie und begeht dabei drei Kunstfehler. Erstens berücksichtigt er nur die Löhne westdeutscher Industrieunternehmen, die niedrigeren ostdeutscher Firmen blendet er aus. Gleichzeitig vergleicht er sie unter anderem mit den Stundenlöhnen italienischer Unternehmen, ohne die dortige Niedriglohnregion Mezzogiorno herauszurechnen. Damit ist der Vergleich schon verfälscht.

Zweitens beschränkt er sich auf die Löhne der Industrie. Zwar gehört dieser Sektor ohne Zweifel zu den Hauptexporteuren. Doch aus den Industrielöhnen lässt sich nicht auf die Wettbewerbsfähigkeit der gesamten deutschen Wirtschaft – ja nicht einmal der Industrie selbst – schließen. Denn eine so eingeschränkte Betrachtung vernachlässigt die hohen Vorleistungsbezüge aus anderen Sektoren, die ja auch Lohnkosten enthalten. Mit anderen Worten: Das hier gezeichnete Bild ist unvollständig. Der dritte Fehler schließlich ist, dass Sinn bei seiner Untersuchung Stundenlöhne verwendet. Dadurch vernachlässigt er die Produktivitätsdifferenzen zum Ausland, auf die er an anderer Stelle zu Recht hinweist.

Alles in allem ist der Nachweis zu hoher Löhne also missglückt, und damit steht die gesamte These von der Basarökonomie auf wackligen, wenn nicht gar einknickenden Beinen. Trotzdem sollte das Buch gelesen haben, wer in einer spannenden und wichtigen ökonomischen Debatte mitreden will. Man wünscht sich jedoch, dass der Autor nun von seiner These ablässt – und uns hoffentlich bald eine neue schenkt.

TTE / Gustav A. Horn widerspricht der "Basarökonomie"-These von Hans-Werner Sinn

 

Das neue Buch des Ifo- Präsidenten sollte dessen Kritiker besänftigen. Doch beim Paradelinken unter den deutschen Ökonomen findet es keine Gnade.

Rheinischer Merkur Nr. 45, 10.11.2005, Von Gustav A. Horn

 

"Muss ich das gelesen haben?“, dieser Ausruf eines berühmten Literaturkritikers entschlüpft auch vielen Ökonomen angesichts der Fülle von vielen guten und noch mehr schlechten Büchern zur wirtschaftlichen Krisenlage Deutschlands. Manche Autoren sollte man vielleicht dezent darauf hinweisen, dass Kassandra, auch wenn sie Recht hatte, umgebracht wurde. Das könnte so manches Buch vermeiden helfen.

So geht man also mit einer gehörigen Portion Skepsis an das neueste Buch der deutschen Oberkassandra, Hans-Werner Sinn – und wird positiv enttäuscht. Wie kein Zweiter der ökonomischen Institutspräsidenten versteht es Sinn, seine Sichtweise der Dinge dem Leser in klarer Schreibe deutlich zu machen. Sein Buch „Die Basarökonomie“ ist mit Leidenschaft geschrieben und setzt sich, auch dies sonst eher selten der Fall, differenziert mit der Position seiner intellektuellen Gegner auseinander und verschweigt auch nicht die Vermehrung eigener Erkenntnisse.

Worum geht es? Hans-Werner Sinn ist inzwischen berühmt für seine Basar-Hypothese. Diese besagt, dass die Globalisierung allmählich die Fähigkeit der deutschen Volkswirtschaft zur Wertschöpfung und damit zur Beschäftigung im eigenen Lande auszehrt. Ursache seien die zu hohen Löhne, die eine forcierte Verlagerung insbesondere arbeitsintensiver Produktion ins Ausland lohnend mache. In Deutschland verbleibe im Kern kaum mehr als Wertschöpfung aus Handels- und Dienstleistungsaktivitäten, eben der Basar, und damit auch eine hohe Arbeitslosigkeit.

Diese These wurde umstritten diskutiert, und Sinn setzt sich in seinem neuesten Buch mit seinen Kritikern auseinander. Wesentlich ist dabei die Frage, woran man eigentlich ersehen kann, dass Deutschland auf dem Weg in eine Basarökonomie sei. Angesichts seines Anspruches – schließlich soll das Buch eine umfassende Erklärung für Deutschlands Probleme liefern – wird Sinn an dieser Stelle sehr bescheiden. Seiner Meinung nach ist es schon ein Beleg für seine Aussage, wenn ein immer größerer Teil der Wertschöpfung einzelner Produkte im Ausland erstellt wird, während hierzulande zugleich Arbeitslosigkeit herrscht.

Beides ist unbestritten der Fall. Doch im Hinblick auf eine Basarisierung der deutschen Wirtschaft sagen beide Phänomene noch gar nichts aus. Denn ob Deutschland wirklich immer weniger Wertschöpfung aus dem Außenhandel bezieht, hängt nicht nur vom Wertschöpfungsanteil je Produkt ab, sondern auch davon, wie viele Produkte deutsche Unternehmen überhaupt auf den Weltmärkten verkaufen. Ersteres ist lediglich ein Beleg für den Aufbau internationaler Wertschöpfungsketten. Dies ist aber im Zeitalter der Globalisierung, in dem die komparativen Vorteile zahlloser Volkswirtschaften genutzt werden können, nicht überraschend.

Eine Vielzahl von Autoren kommt jedoch zu dem Schluss, dass der zweite Effekt überwiegt, wie man an den zunehmenden Außenhandelsüberschüssen ablesen könne. Diese zeigen an, dass die Wertschöpfung durch Außenhandel hierzulande im Gegensatz zu Sinns Hypothese sogar zunimmt. Vor allem ist die deutsche Wirtschaft nicht zuletzt deshalb so wettbewerbsfähig, eben weil sie ihre Vorproduktion teilweise ins Ausland verlagert hat.

Sinn ficht dieser Einwand nicht an. Er erklärt die Außenhandelsüberschüsse gänzlich anders. Für ihn sind sie Ausdruck mangelnder Binnennachfrage, die sich insbesondere aus Investitionszurückhaltung ergebe. Wegen der zu hohen Löhne würden deutsche Unternehmen ihr Kapital lieber im Ausland investieren. Es ist zwar richtig, dass die deutsche Binnennachfrage im internationalen Vergleich sehr schwach ist. Dies erklärt jedoch sicherlich nur einen Teil des Außenhandelsüberschusses.

Wenig überzeugend ist zudem das Sinnsche Argument, dies alles sei letztlich auf überhöhte Löhne in Deutschland zurückzuführen. Wäre dies der Fall, sollte man eine mittelprächtige Konsumnachfrage, hohe Importe und eine desaströse Investitionstätigkeit erwarten. Diese Phänomene waren in Volkswirtschaften mit erheblichen Wettbewerbsproblemen wie Großbritannien und den Niederlanden zu Beginn der achtziger Jahre sowie in Ostdeutschland unmittelbar nach der Wiedervereinigung zu beobachten. Keines dieser Merkmale trifft aber auf Deutschland im Jahre 2005 zu. Hier sind die Investitionen in Maschinen mittelprächtig, die Importe – wie Sinn ja selbst zugibt – niedrig und die Konsumnachfrage desaströs. Dies spricht eher für einen Nachfragemangel als für ein Angebotsproblem.

Sinn belegt seine These zu hoher Löhne mit einem internationalen Vergleich der Stundenlöhne in der Industrie und begeht dabei drei Kunstfehler. Erstens berücksichtigt er nur die Löhne westdeutscher Industrieunternehmen, die niedrigeren ostdeutscher Firmen blendet er aus. Gleichzeitig vergleicht er sie unter anderem mit den Stundenlöhnen italienischer Unternehmen, ohne die dortige Niedriglohnregion Mezzogiorno herauszurechnen. Damit ist der Vergleich schon verfälscht.

Zweitens beschränkt er sich auf die Löhne der Industrie. Zwar gehört dieser Sektor ohne Zweifel zu den Hauptexporteuren. Doch aus den Industrielöhnen lässt sich nicht auf die Wettbewerbsfähigkeit der gesamten deutschen Wirtschaft – ja nicht einmal der Industrie selbst – schließen. Denn eine so eingeschränkte Betrachtung vernachlässigt die hohen Vorleistungsbezüge aus anderen Sektoren, die ja auch Lohnkosten enthalten. Mit anderen Worten: Das hier gezeichnete Bild ist unvollständig. Der dritte Fehler schließlich ist, dass Sinn bei seiner Untersuchung Stundenlöhne verwendet. Dadurch vernachlässigt er die Produktivitätsdifferenzen zum Ausland, auf die er an anderer Stelle zu Recht hinweist.

Alles in allem ist der Nachweis zu hoher Löhne also missglückt, und damit steht die gesamte These von der Basarökonomie auf wackligen, wenn nicht gar einknickenden Beinen. Trotzdem sollte das Buch gelesen haben, wer in einer spannenden und wichtigen ökonomischen Debatte mitreden will. Man wünscht sich jedoch, dass der Autor nun von seiner These ablässt – und uns hoffentlich bald eine neue schenkt.

TE / Gustav A. Horn widerspricht der "Basarökonomie"-These von Hans-Werner Sinn

 

Das neue Buch des Ifo- Präsidenten sollte dessen Kritiker besänftigen. Doch beim Paradelinken unter den deutschen Ökonomen findet es keine Gnade.

Rheinischer Merkur Nr. 45, 10.11.2005, Von Gustav A. Horn

 

"Muss ich das gelesen haben?“, dieser Ausruf eines berühmten Literaturkritikers entschlüpft auch vielen Ökonomen angesichts der Fülle von vielen guten und noch mehr schlechten Büchern zur wirtschaftlichen Krisenlage Deutschlands. Manche Autoren sollte man vielleicht dezent darauf hinweisen, dass Kassandra, auch wenn sie Recht hatte, umgebracht wurde. Das könnte so manches Buch vermeiden helfen.

So geht man also mit einer gehörigen Portion Skepsis an das neueste Buch der deutschen Oberkassandra, Hans-Werner Sinn – und wird positiv enttäuscht. Wie kein Zweiter der ökonomischen Institutspräsidenten versteht es Sinn, seine Sichtweise der Dinge dem Leser in klarer Schreibe deutlich zu machen. Sein Buch „Die Basarökonomie“ ist mit Leidenschaft geschrieben und setzt sich, auch dies sonst eher selten der Fall, differenziert mit der Position seiner intellektuellen Gegner auseinander und verschweigt auch nicht die Vermehrung eigener Erkenntnisse.

Worum geht es? Hans-Werner Sinn ist inzwischen berühmt für seine Basar-Hypothese. Diese besagt, dass die Globalisierung allmählich die Fähigkeit der deutschen Volkswirtschaft zur Wertschöpfung und damit zur Beschäftigung im eigenen Lande auszehrt. Ursache seien die zu hohen Löhne, die eine forcierte Verlagerung insbesondere arbeitsintensiver Produktion ins Ausland lohnend mache. In Deutschland verbleibe im Kern kaum mehr als Wertschöpfung aus Handels- und Dienstleistungsaktivitäten, eben der Basar, und damit auch eine hohe Arbeitslosigkeit.

Diese These wurde umstritten diskutiert, und Sinn setzt sich in seinem neuesten Buch mit seinen Kritikern auseinander. Wesentlich ist dabei die Frage, woran man eigentlich ersehen kann, dass Deutschland auf dem Weg in eine Basarökonomie sei. Angesichts seines Anspruches – schließlich soll das Buch eine umfassende Erklärung für Deutschlands Probleme liefern – wird Sinn an dieser Stelle sehr bescheiden. Seiner Meinung nach ist es schon ein Beleg für seine Aussage, wenn ein immer größerer Teil der Wertschöpfung einzelner Produkte im Ausland erstellt wird, während hierzulande zugleich Arbeitslosigkeit herrscht.

Beides ist unbestritten der Fall. Doch im Hinblick auf eine Basarisierung der deutschen Wirtschaft sagen beide Phänomene noch gar nichts aus. Denn ob Deutschland wirklich immer weniger Wertschöpfung aus dem Außenhandel bezieht, hängt nicht nur vom Wertschöpfungsanteil je Produkt ab, sondern auch davon, wie viele Produkte deutsche Unternehmen überhaupt auf den Weltmärkten verkaufen. Ersteres ist lediglich ein Beleg für den Aufbau internationaler Wertschöpfungsketten. Dies ist aber im Zeitalter der Globalisierung, in dem die komparativen Vorteile zahlloser Volkswirtschaften genutzt werden können, nicht überraschend.

Eine Vielzahl von Autoren kommt jedoch zu dem Schluss, dass der zweite Effekt überwiegt, wie man an den zunehmenden Außenhandelsüberschüssen ablesen könne. Diese zeigen an, dass die Wertschöpfung durch Außenhandel hierzulande im Gegensatz zu Sinns Hypothese sogar zunimmt. Vor allem ist die deutsche Wirtschaft nicht zuletzt deshalb so wettbewerbsfähig, eben weil sie ihre Vorproduktion teilweise ins Ausland verlagert hat.

Sinn ficht dieser Einwand nicht an. Er erklärt die Außenhandelsüberschüsse gänzlich anders. Für ihn sind sie Ausdruck mangelnder Binnennachfrage, die sich insbesondere aus Investitionszurückhaltung ergebe. Wegen der zu hohen Löhne würden deutsche Unternehmen ihr Kapital lieber im Ausland investieren. Es ist zwar richtig, dass die deutsche Binnennachfrage im internationalen Vergleich sehr schwach ist. Dies erklärt jedoch sicherlich nur einen Teil des Außenhandelsüberschusses.

Wenig überzeugend ist zudem das Sinnsche Argument, dies alles sei letztlich auf überhöhte Löhne in Deutschland zurückzuführen. Wäre dies der Fall, sollte man eine mittelprächtige Konsumnachfrage, hohe Importe und eine desaströse Investitionstätigkeit erwarten. Diese Phänomene waren in Volkswirtschaften mit erheblichen Wettbewerbsproblemen wie Großbritannien und den Niederlanden zu Beginn der achtziger Jahre sowie in Ostdeutschland unmittelbar nach der Wiedervereinigung zu beobachten. Keines dieser Merkmale trifft aber auf Deutschland im Jahre 2005 zu. Hier sind die Investitionen in Maschinen mittelprächtig, die Importe – wie Sinn ja selbst zugibt – niedrig und die Konsumnachfrage desaströs. Dies spricht eher für einen Nachfragemangel als für ein Angebotsproblem.

Sinn belegt seine These zu hoher Löhne mit einem internationalen Vergleich der Stundenlöhne in der Industrie und begeht dabei drei Kunstfehler. Erstens berücksichtigt er nur die Löhne westdeutscher Industrieunternehmen, die niedrigeren ostdeutscher Firmen blendet er aus. Gleichzeitig vergleicht er sie unter anderem mit den Stundenlöhnen italienischer Unternehmen, ohne die dortige Niedriglohnregion Mezzogiorno herauszurechnen. Damit ist der Vergleich schon verfälscht.

Zweitens beschränkt er sich auf die Löhne der Industrie. Zwar gehört dieser Sektor ohne Zweifel zu den Hauptexporteuren. Doch aus den Industrielöhnen lässt sich nicht auf die Wettbewerbsfähigkeit der gesamten deutschen Wirtschaft – ja nicht einmal der Industrie selbst – schließen. Denn eine so eingeschränkte Betrachtung vernachlässigt die hohen Vorleistungsbezüge aus anderen Sektoren, die ja auch Lohnkosten enthalten. Mit anderen Worten: Das hier gezeichnete Bild ist unvollständig. Der dritte Fehler schließlich ist, dass Sinn bei seiner Untersuchung Stundenlöhne verwendet. Dadurch vernachlässigt er die Produktivitätsdifferenzen zum Ausland, auf die er an anderer Stelle zu Recht hinweist.

Alles in allem ist der Nachweis zu hoher Löhne also missglückt, und damit steht die gesamte These von der Basarökonomie auf wackligen, wenn nicht gar einknickenden Beinen. Trotzdem sollte das Buch gelesen haben, wer in einer spannenden und wichtigen ökonomischen Debatte mitreden will. Man wünscht sich jedoch, dass der Autor nun von seiner These ablässt – und uns hoffentlich bald eine neue schenkt.

TTE / Gustav A. Horn widerspricht der "Basarökonomie"-These von Hans-Werner Sinn

 

Das neue Buch des Ifo- Präsidenten sollte dessen Kritiker besänftigen. Doch beim Paradelinken unter den deutschen Ökonomen findet es keine Gnade.

Rheinischer Merkur Nr. 45, 10.11.2005, Von Gustav A. Horn

 

"Muss ich das gelesen haben?“, dieser Ausruf eines berühmten Literaturkritikers entschlüpft auch vielen Ökonomen angesichts der Fülle von vielen guten und noch mehr schlechten Büchern zur wirtschaftlichen Krisenlage Deutschlands. Manche Autoren sollte man vielleicht dezent darauf hinweisen, dass Kassandra, auch wenn sie Recht hatte, umgebracht wurde. Das könnte so manches Buch vermeiden helfen.

So geht man also mit einer gehörigen Portion Skepsis an das neueste Buch der deutschen Oberkassandra, Hans-Werner Sinn – und wird positiv enttäuscht. Wie kein Zweiter der ökonomischen Institutspräsidenten versteht es Sinn, seine Sichtweise der Dinge dem Leser in klarer Schreibe deutlich zu machen. Sein Buch „Die Basarökonomie“ ist mit Leidenschaft geschrieben und setzt sich, auch dies sonst eher selten der Fall, differenziert mit der Position seiner intellektuellen Gegner auseinander und verschweigt auch nicht die Vermehrung eigener Erkenntnisse.

Worum geht es? Hans-Werner Sinn ist inzwischen berühmt für seine Basar-Hypothese. Diese besagt, dass die Globalisierung allmählich die Fähigkeit der deutschen Volkswirtschaft zur Wertschöpfung und damit zur Beschäftigung im eigenen Lande auszehrt. Ursache seien die zu hohen Löhne, die eine forcierte Verlagerung insbesondere arbeitsintensiver Produktion ins Ausland lohnend mache. In Deutschland verbleibe im Kern kaum mehr als Wertschöpfung aus Handels- und Dienstleistungsaktivitäten, eben der Basar, und damit auch eine hohe Arbeitslosigkeit.

Diese These wurde umstritten diskutiert, und Sinn setzt sich in seinem neuesten Buch mit seinen Kritikern auseinander. Wesentlich ist dabei die Frage, woran man eigentlich ersehen kann, dass Deutschland auf dem Weg in eine Basarökonomie sei. Angesichts seines Anspruches – schließlich soll das Buch eine umfassende Erklärung für Deutschlands Probleme liefern – wird Sinn an dieser Stelle sehr bescheiden. Seiner Meinung nach ist es schon ein Beleg für seine Aussage, wenn ein immer größerer Teil der Wertschöpfung einzelner Produkte im Ausland erstellt wird, während hierzulande zugleich Arbeitslosigkeit herrscht.

Beides ist unbestritten der Fall. Doch im Hinblick auf eine Basarisierung der deutschen Wirtschaft sagen beide Phänomene noch gar nichts aus. Denn ob Deutschland wirklich immer weniger Wertschöpfung aus dem Außenhandel bezieht, hängt nicht nur vom Wertschöpfungsanteil je Produkt ab, sondern auch davon, wie viele Produkte deutsche Unternehmen überhaupt auf den Weltmärkten verkaufen. Ersteres ist lediglich ein Beleg für den Aufbau internationaler Wertschöpfungsketten. Dies ist aber im Zeitalter der Globalisierung, in dem die komparativen Vorteile zahlloser Volkswirtschaften genutzt werden können, nicht überraschend.

Eine Vielzahl von Autoren kommt jedoch zu dem Schluss, dass der zweite Effekt überwiegt, wie man an den zunehmenden Außenhandelsüberschüssen ablesen könne. Diese zeigen an, dass die Wertschöpfung durch Außenhandel hierzulande im Gegensatz zu Sinns Hypothese sogar zunimmt. Vor allem ist die deutsche Wirtschaft nicht zuletzt deshalb so wettbewerbsfähig, eben weil sie ihre Vorproduktion teilweise ins Ausland verlagert hat.

Sinn ficht dieser Einwand nicht an. Er erklärt die Außenhandelsüberschüsse gänzlich anders. Für ihn sind sie Ausdruck mangelnder Binnennachfrage, die sich insbesondere aus Investitionszurückhaltung ergebe. Wegen der zu hohen Löhne würden deutsche Unternehmen ihr Kapital lieber im Ausland investieren. Es ist zwar richtig, dass die deutsche Binnennachfrage im internationalen Vergleich sehr schwach ist. Dies erklärt jedoch sicherlich nur einen Teil des Außenhandelsüberschusses.

Wenig überzeugend ist zudem das Sinnsche Argument, dies alles sei letztlich auf überhöhte Löhne in Deutschland zurückzuführen. Wäre dies der Fall, sollte man eine mittelprächtige Konsumnachfrage, hohe Importe und eine desaströse Investitionstätigkeit erwarten. Diese Phänomene waren in Volkswirtschaften mit erheblichen Wettbewerbsproblemen wie Großbritannien und den Niederlanden zu Beginn der achtziger Jahre sowie in Ostdeutschland unmittelbar nach der Wiedervereinigung zu beobachten. Keines dieser Merkmale trifft aber auf Deutschland im Jahre 2005 zu. Hier sind die Investitionen in Maschinen mittelprächtig, die Importe – wie Sinn ja selbst zugibt – niedrig und die Konsumnachfrage desaströs. Dies spricht eher für einen Nachfragemangel als für ein Angebotsproblem.

Sinn belegt seine These zu hoher Löhne mit einem internationalen Vergleich der Stundenlöhne in der Industrie und begeht dabei drei Kunstfehler. Erstens berücksichtigt er nur die Löhne westdeutscher Industrieunternehmen, die niedrigeren ostdeutscher Firmen blendet er aus. Gleichzeitig vergleicht er sie unter anderem mit den Stundenlöhnen italienischer Unternehmen, ohne die dortige Niedriglohnregion Mezzogiorno herauszurechnen. Damit ist der Vergleich schon verfälscht.

Zweitens beschränkt er sich auf die Löhne der Industrie. Zwar gehört dieser Sektor ohne Zweifel zu den Hauptexporteuren. Doch aus den Industrielöhnen lässt sich nicht auf die Wettbewerbsfähigkeit der gesamten deutschen Wirtschaft – ja nicht einmal der Industrie selbst – schließen. Denn eine so eingeschränkte Betrachtung vernachlässigt die hohen Vorleistungsbezüge aus anderen Sektoren, die ja auch Lohnkosten enthalten. Mit anderen Worten: Das hier gezeichnete Bild ist unvollständig. Der dritte Fehler schließlich ist, dass Sinn bei seiner Untersuchung Stundenlöhne verwendet. Dadurch vernachlässigt er die Produktivitätsdifferenzen zum Ausland, auf die er an anderer Stelle zu Recht hinweist.

Alles in allem ist der Nachweis zu hoher Löhne also missglückt, und damit steht die gesamte These von der Basarökonomie auf wackligen, wenn nicht gar einknickenden Beinen. Trotzdem sollte das Buch gelesen haben, wer in einer spannenden und wichtigen ökonomischen Debatte mitreden will. Man wünscht sich jedoch, dass der Autor nun von seiner These ablässt – und uns hoffentlich bald eine neue schenkt.

Kassandra aus München
Zu Jahresbeginn stellte der Präsident des Münchner Ifo-Instituts, Hans-Werner Sinn, in seinem Buch „Ist Deutschland noch zu retten?“ erstmals die These auf, Deutschland sei auf dem besten Wege, eine „Basarökonomie“ zu werden. So würden vor allem die hohen Löhne dazu führen, dass die deutsche Industrie die Wertschöpfungskette ihrer Produkte mehr und mehr ins Ausland verlagern muss, um international wettbewerbsfähig bleiben zu können. Dadurch erkläre sich, dass Deutschland zwar weltmeisterlich exportiert, gleichzeitig aber unter hoher Arbeitslosigkeit leidet. Sinns Prophezeiung: Irgendwann verbleiben dem einstigen Industrieland nur noch Handels- und Dienstleistungsaktivitäten – der Basar eben. Diese These wird unter Ökonomen seither kontrovers debattiert. In seinem neuen Buch setzt sich Sinn nun mit seinen Kritikern auseinander. RM

Unser Autor ist wissenschaftlicher Direktor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung