»Die Fonds wären heute etwa das Dreifache wert«

Wir haben Ökonomen und Ökonominnen gefragt, was privat ihre schlechteste finanzielle Entscheidung war – und was sie daraus gelernt haben.

DIE ZEIT, 13. April 2026.

In der Wirtschaftslehre wird der Mensch oft als Homo oeconomicus beschrieben. Als ein Lebewesen, das nach dem größtmöglichen ökonomischen Nutzen strebt – ausschließlich rational, immer gut informiert. Joa, wer von uns ist schon wirklich so? Wer hat noch nicht Geld zum Fenster hinausgeworfen? Wer setzt wirklich ALLES von der Steuer ab? Wer weiß wirklich, für wie viele Abos er gerade bezahlt? Selbst denen, die sich besser als wir alle mit Wirtschaft auskennen, die sie tagtäglich untersuchen, gestalten und vermitteln, geht es ähnlich. Hier erzählen acht Ökonominnen und Ökonomen von privaten Fehlkäufen und falschen Investitionen. Manchmal, sagt einer von ihnen, sei es sogar logisch, faul zu sein.

Hans-Werner Sinn

ist einer der einflussreichsten und meist zitierten Wirtschaftswissenschaftler der Nachkriegszeit. Von 1999 bis zum Jahr 2016 leitete er das ifo Institut, das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung an der Universität München. 

»Ich war der perfekte Homo oeconomicus, weil ich vor langen Jahren unbesehen eine Art Riester-Vertrag zugunsten meiner Kinder abschloss, der vermutlich ganz schlecht verzinst ist. Ich war gerade beim Wiederaufbau des ifo Instituts und konnte mich gar nicht darum kümmern. Der Homo oeconomicus sitzt eben nicht mit dem Rechenstift herum, sondern verzichtet aus ökonomischen Gründen darauf, sich um alles im Detail zu kümmern. Er ist spontaner, als die Zerrbilder seiner Kritiker glauben machen.«

Anke Hassel

ist Mitglied des Hightech-Forums der Bundesregierung und beschäftigte sich unter anderem mit den »Schwächen des deutschen Kapitalismus«. Aktuell ist sie Professorin für Public Policy an der Hertie School of Governance.

»Meine schlechteste finanzielle Entscheidung habe ich während der Finanzkrise 2008 getroffen. Mein Mann und ich hatten bei der Union Invest verschiedene Fonds zur privaten Altersvorsorge gekauft, 15.000 Euro waren da in etwa drin. Und natürlich waren wir auch darauf vorbereitet, dass es bei solchen langfristigen Anlagen immer Ausrisse nach unten geben wird. Da durchzuhalten, das ist ja die Grundregel. Aber dann ließen wir uns von der allgemeinen Verunsicherung der Finanzkrise anstecken. Es schien damals völlig offen, was passiert. Wir befürchteten, dass die Fonds vielleicht auf null sinken könnten. Und als sie dann tatsächlich um fast 40 Prozent gefallen waren, haben wir verkauft: genau zu dem Zeitpunkt, als die Fonds am wenigsten wert waren. Das war völlig unnötig. Die Fonds waren ein paar Jahre später wieder auf Vorkrisenniveau und wären heute etwa das Dreifache im Vergleich zum Vorkrisenniveau wert. Manchmal, wenn gerade wieder mal unruhige Zeiten sind am Finanzmarkt – wie momentan –, dann denke ich daran.«

Philippa Sigl-Glöckner

ist Gründungsdirektorin des Dezernat Zukunft – Institut für Makrofinanzen. Das »Handelsblatt« bezeichnete Sigl-Glöckner als eine der »einflussreichsten Frauen ihrer Generation in Deutschland«.

»Ich soll aus gesundheitlichen Gründen vor allem gut durchgekochtes Gemüse oder Suppen essen. Beim Kochen bin ich aber sehr ungeduldig. Ich komme um 22 Uhr nach Hause und habe Hunger. Sofort. Eine Freundin hat mir daraufhin den Nicer Dicer empfohlen. Das ist diese Plastikdose mit Schneidaufsätzen, wie es sie in diesen schlecht synchronisierten Dauerfernsehwerbungen zu kaufen gibt. Früher haben wir uns da lustig gemacht, wenn die das Gemüse durch das Metallgitter gedrückt haben. Aber ich dachte mir, es ist vielleicht erträglicher als die dauernde Rumschneiderei. Es war ein glasklarer Impulskauf. Ich habe einen emotional shortcut genommen, eine emotionale Abkürzung. Man legt ganz viel Hoffnung in ein Produkt, ohne darüber nachzudenken, ob es wirklich funktionieren kann. Der Sozialpsychologe Jonathan Haidt hat den Grund dafür in seinem Buch Die Macht der Moral mal gut beschrieben. Haidt sagt, wir alle funktionieren eigentlich wie ein Elefant mit einem Reiter obendrauf. Der Elefant ist die Emotion. Der Mensch ist die Ratio. Und eigentlich müsste der Reiter lenken, aber der Elefant, die Emotion, ist halt einfach gewaltig. Mir ist da eben der Elefant durchgegangen. Den Nicer Dicer habe ich am Ende nur ein paarmal benutzt. Natürlich haben sich die Karotten nicht so einfach schneiden lassen wie in der Beschreibung. Ich habe mich dabei auch ungefähr zehnmal verletzt. Seitdem blockiert dieses Riesenteil die Hälfte meiner Schublade. Jedes Mal beim Aufmachen ärgert mich das furchtbar. Aber wegschmeißen mag ich ihn auch nicht.«

Philip Jung

ist Professor für Makroökonomik an der Technischen Universität Dortmund und Teil des IZA, des weltweit führenden Forschungsnetzwerks auf dem Gebiet der Arbeitsökonomie.

»Zwölf Jahre lang bin ich dasselbe Auto gefahren, einen schwarzen Renault Mégane. Ich wohne in der Nähe von Bonn und pendle viel. 250.000 Kilometer habe ich in der Zeit auf den Tacho gebracht. Ende vergangenen Jahres hat mir mein Onkel dann sein Auto überlassen. Er ist 92 Jahre alt und brauchte es nicht mehr. Was sollte ich mit zwei? Also habe ich beschlossen, mein altes zu verkaufen. Nun: Ich habe das aber immer wieder vor mir hergeschoben. So kam es, dass es den Winter über auf der Straße vor meinem Haus stand. Als ich vor zwei Monaten mal wieder hingeschaut habe, ist mir aufgefallen, dass ein Fenster nicht ganz geschlossen war. Das tat dem Auto – und dem Verkaufspreis – natürlich alles andere als gut. Ich schiebe häufiger Dinge hinaus. Berufliche Rechnungen reiche ich auch manchmal gar nicht ein, obwohl ich könnte. Das bürokratische Prozedere, das so was mit sich bringen würde, schreckt mich ab. Der erst kürzlich verstorbene Nobelpreisträger Christopher Sims nannte das »rationale Unaufmerksamkeit«. Menschen handeln nicht automatisch so, dass sie den maximalen ökonomischen Nutzen herausziehen. Sie wägen auch den Aufwand ab, den es benötigen würde, um dort hinzukommen. Deswegen werden nicht dauernd Handyverträge gekündigt, deswegen bewegen sich Märkte viel behäbiger, als man glauben mag. Es ist einfach anstrengend, dauernd optimal zu reagieren. Also lässt man es. Manchmal – so wie in meinem Fall – überhöht man jedoch den Zeitaufwand in seiner Vorstellung. Am Ende hat es nur einen Anruf bei einem Autohändler gebraucht und das Auto war weg. Hätte ich direkt verkauft, hätte ich ein Vielfaches kriegen können. Gute Dienste geleistet hat mir mein Auto immerhin.«

Thomas Mayer

war von 2010 bis 2012 Chefvolkswirt der Deutschen Bank. Sein aktuelles Buch heißt »Russlands Werk und Deutschlands Beitrag: Wie Putins und Merkels Politik uns zum Verhängnis wurden«.

»In der DDR hatte man viele Wohnhäuser verkommen lassen. Nach dem Fall der Berliner Mauer sollte der Bestand saniert werden. Die Regierung unter Helmut Kohl hatte ja »blühende Landschaften« versprochen. Man kam dann auf eine Idee, die rückblickend nur als wild zu beschreiben ist: Jeder, der ein Mietshaus kaufte und renovierte, konnte die Renovierungskosten komplett von der Steuer absetzen. Für ein, zwei, drei Jahre brauchte man also eigentlich gar keine Steuern mehr zu bezahlen. Mir kam das lohnenswert vor. 1994 habe ich dann billig ein altes Stadthaus bei Leipzig gekauft. Der Bauzustand war aus der Vorkriegszeit, die Toiletten befanden sich auf den Zwischenetagen, es gab keine Zentralheizung, sondern Kohleöfen. Man musste einfach alles sanieren, auch das Dach und die Fenster. Trotzdem sah es zunächst nach einer lohnenswerten Investition aus. Doch dann kamen immer mehr sanierte Wohnungen auf den Markt. Die Mieten fielen – und damit auch der Wert meines Hauses. Der Verlust fraß meine Steuerersparnis völlig auf. Ich hatte übersehen, dass Steuersparmodelle häufig nur dem Anbieter nutzen, sie dürfen daher kein primäres Kriterium bei der Investitionsentscheidung sein. Am Ende ist es normal, dass manche Investitionen nicht aufgehen. Im Finanzmarkt gilt: Wenn mehr als 50 Prozent Ihrer Entscheidungen richtig sind, dann sind Sie gut unterwegs. Ich habe daraus gelernt. Das Haus habe ich noch heute.«

Lisandra Flach

ist Professorin für Volkswirtschaftslehre an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Insbesondere beschäftigt sie sich mit der Ökonomie der Globalisierung. Die »Wirtschaftswoche« zählte sie zu den zehn spannendsten Nachwuchsökonomen Deutschlands.

»Seit Jahren steht in meinem Wohnzimmer ein Klavier. Früher habe ich viel darauf gespielt, mittlerweile ist es eigentlich nur noch ein Möbelstück. Ich investiere trotzdem weiterhin viel Geld in dessen Instandhaltung, es muss gestimmt werden und manchmal werden Reparaturen fällig. In den letzten Jahren müssten das um die 800 Euro gewesen sein. Ökonomisch betrachtet übersteigen die Anschaffungs- und Instandhaltungskosten des Klaviers dessen Marktwert und auch den Nutzen, weil ich nicht darauf spiele – eigentlich ist das eine Fehlallokation von Kapital. Aber das Klavier hat neben dem monetären Wert auch einen emotionalen Wert. Er entsteht ökonomisch gesehen dadurch, dass ich viel in die Instandhaltung des Klaviers investiert habe. Dadurch fällt es mir schwer, dieses Objekt aufzugeben, weil ich es für den Bruchteil der Reparaturkosten verkaufen würde. Die ökonomische Entscheidung wäre natürlich, es zu verkaufen oder zumindest kein Geld mehr in die Reparatur zu investieren. Aber ich hoffe auch immer darauf, dass ich es irgendwann mal wieder benutze. Das ist wie ein teures Abo: Man behält es in der Hoffnung, dass man es irgendwann wieder nutzt.«

Martin Jacob

ist Professor für Rechnungswesen und Controlling an der IESE Business School in Barcelona sowie Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Bundesfinanzministeriums.

»Während des Studiums habe ich angefangen, mir ein bisschen für meine Rente beiseitezulegen. Ich habe BWL studiert, bin aber trotzdem zum Bankberater gegangen. Der hat mir einen aktiv gemanagten Aktienfonds empfohlen. Ich dachte: Vertrauste ihm mal. Dabei wissen wir aus der Literatur, dass man mit aktiv gemanagten Fonds in der Regel nicht mehr verdient als mit ganz einfachen, passiven Aktienfonds, die einen Index, etwa den DAX, oder einen ETF abbilden. Ein Jahr später hat der Bankberater mich dann auch angerufen, der Fonds laufe nicht so gut, sagte er, kaufen wir einen neuen. Haben wir gemacht. Das Jahr darauf hat er wieder angerufen. Ich sagte: Ich zahle jedes Mal, wenn ich neu kaufe, einen Ausgabeaufschlag, dann habe ich jedes Mal vier, fünf Prozent Managementgebühr. Das holt ihr doch nie rein! Wenn ich heute noch mal Student wäre, ich würde mein Geld entweder in ETFs packen oder in passive Indexfonds, möglichst breit gestreut und mit niedrigen Gebühren. Selbst wenn man nur 50 Euro im Monat beiseitelegt – bei 2,5 Prozent Rendite, 25 Jahre lang –, bekommt man fast 25.000 Euro raus. Letztendlich würde mehr Aktieninvestment langfristig nicht nur dem Einzelnen, sondern auch der Gesamtgesellschaft nutzen. Es liegt so viel Geld schlafend auf Sparbüchern, auf das es quasi keine Zinsen gibt. Das Geld könnte deutschen und europäischen Unternehmen zugeführt werden, die damit investieren, die Menschen einstellen. Es würde Wirtschaftswachstum fördern. Mein erstes Investment hat lediglich der Bank genutzt.«

Dominika Langenmayr

ist Professorin für Volkswirtschaftslehre an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt und beschäftigt sich unter anderem mit der globalen Besteuerung multinationaler Unternehmen und Steueroasen. Die »Frankfurter Allgemeine Zeitung« zählte sie zu den 100 einflussreichsten Ökonomen Deutschlands.

»Als ich frisch Doktorandin war, hatte ich das erste halbe Jahr nur eine halbe Stelle. So 1.100 Euro im Monat waren das ungefähr. Ich habe in München gelebt und schon damals waren die Mieten dort beachtlich. Irgendwann im Frühsommer habe ich trotzdem gedacht, ich mache mir jetzt meinen Balkon schön, und habe mir Balkonkästen und Pflanzen gekauft, alles in allem vielleicht 150 Euro. Gegen Ende des Monats wollte ich dann Geld abheben, um in den Supermarkt zu gehen, doch es kam nur eine Fehlermeldung. Mein Konto war überzogen. Damals habe ich etwas Wichtiges gelernt, das ich noch heute für meine Arbeit einbeziehe: wie viel Zeit und Kraft und Aufmerksamkeit es kostet, wenn das Geld knapp ist. Du musst dauernd planen, dauernd kalkulieren: Wie viel habe ich denn auf dem Konto? Kann ich mir das leisten? Dazu hat man ja noch viele andere Sachen um die Ohren. Menschen mit niedrigerem Einkommen haben da einfach einen Nachteil, den sich Menschen mit besserem Einkommen gar nicht vorstellen können. Persönlich hätte ich einfach meine Eltern fragen können, ob sie mir etwas leihen, aber ich dachte: Ich habe Volkswirtschaftslehre studiert, ich bin Doktorandin, das darf mir doch nicht passieren! Ich bin dann wieder nach Hause gegangen – und habe bis zum Monatsende nur noch Nudeln und Reis gegessen.«

Von Martin Hogger und Konstanze Eidenschink.

Nachzulesen auf www.zeit.de.