Sinn warnt: „Deutschland ist herzkrank" – Automobilindustrie im Absturz

Katja Winter, Gießener Allgemeine, 10. Juni 2026.

Wirtschaftswissenschaftler Hans-Werner Sinn hat beim IHK-Jahresempfang den Zustand der deutschen Wirtschaft analysiert. Die Verlagerung von Produktionsstätten ins Ausland habe längst begonnen.

Gießen – Der Jahresempfang der IHK Gießen-Friedberg in der Kongresshalle war komplett ausgebucht. Zugpferd der Veranstaltung war der Vortrag „Notwendige Reformen – Deutschland im Reformstau“ des Wirtschaftswissenschaftlers Prof. Dr. Hans-Werner Sinn. Er fand klare Worte in Richtung grüner Energiepolitik.

Anhand von Zahlen und Entwicklungen analysierte der ehemalige Präsident des ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung den Zustand der deutschen Wirtschaft. So stellte er fest, dass sich Deutschland in einer ähnlichen Situation wie vor 20 Jahren befinde. Er forderte mutige Reformen. Der Absturz Deutschlands sei vor allem im verarbeitenden Gewerbe zu beobachten, etwa in der Automobilindustrie. „Die Automobilindustrie ist das Herz der deutschen Industrie. Das Herz ist krank. Deutschland ist herzkrank.“ Die Verlagerung der Produktionsstätten ins Ausland habe schon längst begonnen. Das sei nichts, was von selbst wieder weggehe.

Bürokratie durch EU großes Hemmnis

Als großes Hemmnis machte er die durch die EU übergestülpte Bürokratie aus. Man habe sich zu einer Verwaltungswirtschaft entwickelt. Eine weitere Ursache der aktuellen Lage schrieb er der „utopischen Energiewende“ zu, die so nicht funktionieren könne. „Das ist bloße Gesinnungsethik“, die zu einer erzwungenen Deindustrialisierung führen werde. „Wir haben Dinge beschlossen, die technisch nicht gehen.“ Als Beispiel führte er die Verwendung von E-Autos an, die zwar kein CO₂ ausstoßen würden, jedoch der „getankte Strom“ aus Kohle und Gas gewonnen werde. Das Endenergieverbrauchgesetz sei für ihn ein Deindustrialisierungsgesetz, weil es die Unternehmen verpflichte, bis 2045 ihren Energieverbrauch um 45 Prozent zu reduzieren, egal woher sie ihre Energie beziehen würden, selbst wenn diese zu 100 Prozent grün sei. Die CO₂-Reduktion bis 2045 auf 0 zu bringen, sei nicht machbar. Grüne Technologie als Geschäftsmodell zu propagieren, sei nichts weiter als Semantik.

Die Probleme würden durch die demografische Pyramide noch verstärkt. Um das Rentensystem zu erhalten, sieht er als notwendig an, entweder das Rentenniveau weiter zu senken oder das Einstiegsalter zu erhöhen. „Anders wird es nicht funktionieren.“ In Sachen weiterer Reformen forderte er unter anderem ein Überdenken der staatlichen Leistungen („Bürgergeld vernichtet Arbeitsplätze“), der Anzahl der Urlaubstage und der Lohnfortzahlung im Krankheitsfall (1. Krankheitstag als Selbstbehalt), da die Jahresarbeitsleistung in Deutschland im Vergleich zu anderen Industrieländern zu gering sei. Auch die Vereinbarkeit zwischen Beruf und Familie müsse überdacht werden, um die Geburtenrate anzukurbeln, merkte er an.

Im Anschluss diskutierten IHK-Vizepräsident Christian Eichenberger, Rainer Schwarz (Präsident IHK Gießen-Friedberg) und Dr. Hans-Werner Sinn über Konsequenzen, die sich aus seinen Thesen ergeben. Eichenberger wies auf die Möglichkeiten einer Kreislaufwirtschaft hin, um Ressourcen zu schonen. „Wir brauchen ein neues Denken“, sagte er. Präsident Schwarz wies auf die Bedeutung der dualen Ausbildung hin. In seiner Begrüßung war er zu Beginn auf die drängendsten Themen der Wirtschaft eingegangen. Die aktuelle Politik habe zu Mehrbelastung und Unsicherheiten geführt. Er forderte mehr Stärkung statt Belastung der Wirtschaft.

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