Rettet der Stromboom die Industrie? Hans-Werner Sinn entgegnet: „Der Strom ist sehr teuer“

Flynn Jacobs, Berliner Zeitung, 10. Juni 2026.

Deutschlands Stromerzeugung wächst so stark wie seit über einem Jahrzehnt nicht. Experten streiten, ob das die Industrie rettet – oder neue Probleme entstehen. 

Deutschlands Stromerzeugung wächst derzeit so stark wie seit mehr als einem Jahrzehnt nicht mehr. Das berichtet die Nachrichtenagentur Reuters unter Berufung auf Daten des Energie-Thinktanks Ember. 

Reuters sieht darin eine mögliche Chance für die angeschlagene deutsche Industrie: Mehr Strom aus Wind- und Solaranlagen könne die Energiekosten senken und energieintensive Unternehmen entlasten, hieß es. 

Die Nachrichtenagentur verweist dabei auf aktuell vergleichsweise niedrige Strompreise an der Börse sowie erste Anzeichen einer Stabilisierung in Branchen, die in den vergangenen Jahren besonders unter den hohen Energiekosten gelitten hatten. So ist die Produktion im verarbeitenden Gewerbe laut Statistischem
Bundesamt im April 2026 gegenüber dem Vorjahresmonat um 0,4 Prozent gestiegen. Doch reicht ein wachsendes Angebot an Wind- und Solarstrom allein wirklich aus, um die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie nach Jahren der Krise wieder zu stärken? 

Kann mehr Wind- und Solarstrom der Industrie helfen?

Grundsätzlich sehen Energiewende-Befürworter durchaus Potenzial. „Die erneuerbaren Energien haben diesen Strompreisanstieg sehr stark reduziert und damit negative Impulse für die Wirtschaft verhindert“, sagt Volker Quaschning, Berliner Ingenieur und Professor für erneuerbare Energiesysteme an der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW). Für eine nachhaltige Senkung der Strompreise müsse der Ausbau erneuerbarer Energien jedoch weiter beschleunigt werden. „Spanien zeigt, welche Potenziale vorhanden sind. Dort waren bislang im Jahr 2026 die Strompreise halb so hoch wie in Deutschland“, sagt Quaschning. Perspektivisch sei ein ähnliches Niveau auch hierzulande erreichbar. 

Allerdings räumt auch er ein, dass mehr Wind- und Solarstrom nicht genügt. „Der schnelle Batteriespeicherausbau dürfte aber schon bald auch die Preise in den Abendstunden reduzieren“, sagt er. Zudem sei ein zügiger Netzausbau erforderlich, damit neue Kapazitäten überhaupt angeschlossen werden können. 

Jacqueline Adelowo und Till Fladung, Energie-Experten des ifo-Instituts, weisen darauf hin, dass steigende Strommengen nicht zwangsläufig die Ursache einer wirtschaftlichen Erholung sein müssen. „Der Impuls kommt also eher aus der Industrie als andersherum“, sagen sie. Wenn mehr Strom erzeugt werde, könne das schlicht daran liegen, dass Industrie und Gewerbe wieder mehr Energie nachfragen.

Gleichzeitig betonen die Experten, dass niedrige Strompreise grundsätzlich die Wettbewerbsfähigkeit stärken könnten. Negative Strompreise, Redispatch-Maßnahmen oder Dunkelflauten seien zudem „kein Grund zur Sorge“, sondern zunächst einmal Signale eines Stromsystems im Umbau, die nun gezielt adressiert werden können. Aus ihrer Sicht handelt es sich dabei um einen „erwarteten Transformationsprozess“, der durch Netzausbau, Speicher und flexible Kraftwerke begleitet werden müsse.

Experte sieht Probleme vor allem beim Strommarktdesign

Dass der Ausbau erneuerbarer Energien das Stromsystem vor neue Herausforderungen stellt, bestreitet auch Karsten Neuhoff, Leiter der Abteilung Klimapolitik am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin), nicht. Die Ursachen sieht er jedoch an anderer Stelle. „Die Redispatch-Kosten zeigen den
Reformbedarf beim Strommarktdesign auf“, sagt Neuhoff. 

Die Kosten für Redispatch-Maßnahmen belaufen sich inzwischen auf mehrere Milliarden Euro pro Jahr. Dabei müssen Netzbetreiber Wind- oder Solaranlagen abregeln und an anderer Stelle Kraftwerke hochfahren, um Netzengpässe auszugleichen. Nach Ansicht Neuhoffs ließen sich viele dieser Probleme durch Reformen entschärfen. „Lokale Marktpreise ermöglichen zudem die bessere Erschließung von Flexibilitätspotenzialen“, sagt er. Dadurch könnten Redispatch-Kosten sinken und überschüssiger Strom effizienter genutzt werden.

Neuhoff argumentiert zudem, dass die Vorteile günstiger Wind- und Solarenergie stärker an die Stromkunden weitergegeben werden müssten, damit Unternehmen langfristig auf eine Elektrifizierung ihrer Produktion setzen. 

Netzausbau und Speicher bleiben die größten Baustellen 

Tatsächlich gelten Netze und Speicher inzwischen als zentrale Baustellen der Energiewende. Eine Studie des Beratungsunternehmens Afry kam kürzlich zu dem Ergebnis, dass in Deutschland Projekte für erneuerbare Energien mit einer Leistung von 140 Gigawatt sowie Batteriespeicher mit 130 Gigawatt wegen fehlender Netzkapazitäten auf Anschlüsse warten. Das damit verbundene Investitionsvolumen wird auf rund 45 Milliarden Euro geschätzt. Gleichzeitig häufen sich Phasen mit negativen Strompreisen.

Allein im vergangenen Jahr gab es insgesamt 573 Stunden mit negativen Strompreisen – ein neuer Rekord. Ursache ist häufig ein Überangebot an Solarstrom bei gleichzeitig geringer Nachfrage. Für manche Experten sind dies normale Begleiterscheinungen der Transformation – andere sehen darin Hinweise auf grundlegende Fehlentwicklungen. 

Kritiker warnen vor hohen Systemkosten in Deutschland

Zu den Skeptikern gehört David Stadelmann, Professor für Wirtschaftspolitik und wirtschaftliche Entwicklung an der Universität Bayreuth. „Die Systemkosten in Deutschland bleiben hoch“, sagt er. Die deutschen Strompreise für Unternehmen gehörten weiterhin zu den höchsten in Europa. Zwar könnten Wind- und
Solaranlagen die Börsenpreise zeitweise senken. Für die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie sei aber entscheidend, was am Ende tatsächlich auf der Rechnung stehe.

„Niemand will wohl ernsthaft, dass in Deutschland nur dann viel produziert wird, wenn auch viel Sonne scheint“, sagt Stadelmann. Deutschland habe ein „strukturell teures Energiesystem“. Netzausbau, Speicher und die Absicherung der Versorgung würden in der Debatte häufig unterschätzt.

Noch deutlicher wird Manuel Frondel, Bereichsleiter für Umwelt und Ressourcen am Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung (RWI Essen). „Sinkende Strompreise sind wegen steigender Systemkosten ein leeres Versprechen der Politik“, sagt er. Der massive Ausbau von Wind- und Solaranlagen nehme auf den schleppenden Netzausbau, fehlende Speicherkapazitäten und die schwankende Nachfrage zu wenig Rücksicht. „Mit dem massiven Erneuerbaren-Ausbau destabilisieren wir zunehmend das Stromsystem.“

Besonders kritisch sieht Frondel die Versorgung in Zeiten geringer Wind- und Solarstromproduktion. „Die gesicherte Leistung von Photovoltaik beträgt null Gigawatt“, sagt er. Wenn nachts keine Sonne scheine und zugleich wenig Wind weht, müssten Importe, Reservekraftwerke oder neue Gaskraftwerke einspringen. Speicher könnten die deutsche Stromnachfrage derzeit nur für kurze Zeit decken. 

Hans-Werner Sinn: „Der Strom ist in Wahrheit sehr teuer“ 

Die schärfste Kritik kommt von Hans-Werner Sinn, dem früheren Präsidenten des ifo Instituts. Die Reuters-Analyse greife aus seiner Sicht zu kurz, weil sie die Kosten des Gesamtsystems ausblende. Auf die Frage, ob mehr Wind- und Solarstrom die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie erhöhen könne, antwortet Sinn: „Null, denn der Strom ist in Wahrheit sehr teuer.“ Die zunehmende Zahl negativer Strompreise zeige bereits heute, dass ein Teil der zusätzlichen Stromproduktion gar nicht sinnvoll genutzt werden könne. Reuters berücksichtige nicht, „wie viel von dem neuen Strom zu negativen Strompreisen abgesetzt werden muss, weil ihn keiner des Mittags braucht, wenn er anfällt“.

Für Sinn liegt das Grundproblem darin, dass Strom nicht dann produziert werde, wenn Unternehmen ihn benötigen. „Die Wirtschaft braucht regelbaren Strom, nicht Strom, der vor allem in den sommerlichen Mittagspausen anfällt oder dann, wenn der Wettergott es will“, sagt er. Deshalb seien zusätzliche Gaskraftwerke unverzichtbar. Ohne sie lasse sich wetterabhängiger Strom nicht in größerem Umfang nutzen.

Speicherlösungen hält Sinn dagegen für wirtschaftlich kaum tragfähig. „Es gibt keine wirtschaftlich vertretbare Möglichkeit, die Stromüberschüsse der Sonnentage im Sommer in den Winter zu transportieren“, sagt er. Dass die Bundesregierung trotz des Ausbaus erneuerbarer Energien neue Gaskraftwerke plant, wertet er deshalb nicht als Widerspruch, sondern als Beleg für die Grenzen des aktuellen Systems. 

„Ammenmärchen“: Sinn zweifelt an Wettbewerbsvorteil

Auch von einem möglichen Wettbewerbsvorteil für die Industrie will Sinn nichts wissen. Weil Wind- und Solarenergie aus seiner Sicht stets durch regelbare Kraftwerke abgesichert werden müssten, entstünden doppelte Kostenstrukturen.

„Das Gerede von dem Wettbewerbsvorteil des grünen Stroms für die Industrie ist ein Ammenmärchen“, sagt er. Deutschland habe bereits heute mit die höchsten Strompreise weltweit. Der Ausbau erneuerbarer Energien werde daran nichts ändern.

Damit bleibt die Frage offen, ob der aktuelle Zuwachs der Stromerzeugung tatsächlich zum erhofften Impuls für die deutsche Industrie wird. Während Befürworter auf sinkende Börsenstrompreise, mehr heimische Energie und den Ausbau von Speichern setzen, warnen Kritiker vor steigenden Systemkosten, Netzengpässen und einer wachsenden Abhängigkeit von Reservekraftwerken. Einig sind sich die Experten allerdings in einem Punkt: Mehr Strom allein reicht nicht aus. Entscheidend wird sein, ob Netze, Speicher und flexible Kraftwerke mit dem Ausbau von Wind- und Solarenergie Schritt halten können. 

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