Hans-Werner Sinn

Nationalökonomie & Finanzwissenschaft

"Die Löhne fallen nicht beliebig"

Interview mit Hans-Werner Sinn, Focus, 03.04.2006, Nr. 14, S. 35

Ifo-Chef Sinn warnt vor Jobverlusten durch Mindestlöhne.

Focus: Was halten Sie von einer Verbindung von Kombi- und Mindestlohn?

Sinn: Wenig. Das Ist wie bremsen und Gas geben zugleich.

FOCUS: Aber in SPD wie Union ist man der Meinung, der Mindestlohn müsse verhindern, dass die Arbeitgeber die Löhne ins Bodenlose senken ...

Sinn: Das Ist ein dummes Argument. Die Löhne werden nicht nach Belieben fallen, sondern nur so weit, dass Angebot und Nachfrage auf dem Markt der Geringqualifizierten ausgeglichen sind. Wenn der Lohn noch tiefer fiele, gäbe es eine Überschussnachfrage, und die Unternehmen würden mit steigenden Löhnen um Arbeitskräfte konkurrieren.

FOCUS: Wann wäre das Gleichgewicht erreicht?

Sinn: Wenn der Durchschnittslohn für Geringqualifizierte ein Drittel niedriger ist als heute, des sind etwa 5,70 Euro. Auf diesem Lohnniveau könnten bis zu 3,2 Millionen zusätzliche Arbeitsgelegenheiten entstehen. Wenn man geringqualifizierte Tätigkeiten hingegen mit einem Mindestlohn oberhalb das Gleichgewichtslohns verteuert, vernichtet man mit Sicherheit Arbeitsplätze. Ein Prozent mehr Lohn macht etwa ein Prozent weniger Beschäftigung aus. Man braucht nur nach Frankreich zu schauen: Dort hat der Mindestlohn die hohe Jugendarbeitslosigkeit erzeugt und zu den Krawallen im Herbst geführt.

FOCUS: Aber kann man von dem niedrigen Lohn noch leben?

Sinn: Von Ihm allein vielleicht nicht. Deshalb soll der Kombilohn ja hinzutreten. In der Summe aus Lohn und Kombilohn wird man mehr haben als heute ein Hartz-lV-Empfänger.