Hans-Werner Sinn

Nationalökonomie & Finanzwissenschaft

Hohe Ansteckungsgefahr

Interview mit Hans-Werner Sinn, Passauer Neue Presse, 25.03.2008, Nr. 70, S. 6

PNP-Gespräch mit Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn über die US-Bankenkrise

München/Passau. Die Turbulenzen an den Finanzmärkten weiten sich aus. Nackte Panik herrschte vergangene Woche an den Börsen der Welt. Der frühere Chef der US-Notenbank, Alan Greenspan, hat die jetzige Krise als die schlimmste Krise seit dem Zweiten Weltkrieg bezeichnet. Nun weiß man seit Ludwig Erhard, Wirtschaft ist zu 50 Prozent Psychologie. Hat sich der Anteil jetzt erhöht? Oder steckt die globale Wirtschaft tatsächlich in einer tiefen Krise, von der man nicht weiß, ob sie nicht in einem großen Crash wie 1929/30 endet?

Angesichts solcher Unwägbarkeiten ist Sachverstand gefragt. Für Professor Hans-Werner Sinn, Präsident des Ifo-Wirtschaftsforschungsinstituts in München, ist der Einbruch des DAX kein Indiz für eine größere Krise in Europa. „Wir werden im Moment noch etwas verschont“, meint er im Gespräch mit der PNP. Denn das Phänomen sei zwar auf den Finanzmärkten vorhanden, „aber in der realen Ökonomie eben noch nicht. Da muss man strikt trennen“.

Allerdings, so Sinn, gebe es Ansteckungswege. Der eine sei, dass „europäische Institute amerikanische Wertpapiere gekauft haben aus dem Bereich dieser Mortgage Backed Securities“. Das seien, vereinfacht gesagt, „letztlich so etwas wie Pfandbriefe oder Forderungen, die durch Hypothekenkredite abgesichert sind. Dass diese Pakete jetzt zum Teil nicht zurückgezahlt werden, ist das Problem“.

Deutschland treffe das aber nur teilweise, denn „die Privatbanken waren klug genug, sich da nicht zu beteiligen“. Beteiligt hätten sich „die deutschen Staatsbanken: die SachsenLB, die WestLB und die BayernLB. Die haben nun riesige Abschreibungsverluste hinzunehmen und dafür muss jetzt der Steuerzahler aufkommen“. Das bedeute aber „nicht, dass in Deutschland eine Systemkrise droht. Die droht aber in Amerika, denn die amerikanischen Banken hängen natürlich voll drin“, so Sinn.

Sicher könne sich Europa oder Deutschland deshalb aber nicht wähnen. Denn die Finanzkrise schlage auf die reale Wirtschaft durch und das betreffe dann auch Europa. Sinn: „Ich halte das mittlerweile für wahrscheinlich, denn die Hauspreise in Amerika sind doch seit eineinhalb Jahren sehr stark, teilweise um mehr als die Hälfte gefallen. Das bedeutet, wenn die Leute das Gefühl haben, dass sie ärmer werden, weil ihre Häuser nicht so viel wert sind, ferner eben auch Kredite nicht verlängern können, dass sie dann anfangen müssen, den Gürtel enger zu schnallen. Die amerikanischen Verbraucher werden also weniger konsumieren und das hat einen stark negativen Effekt auf die amerikanische Konjunktur bis hin zur Möglichkeit der Rezession“.

Noch sei es nicht soweit. Eine Rezession sei gegeben, so Sinn zur PNP, „wenn die Wachstumsrate in drei Quartalen hintereinander negativ ist. Das muss man in der Tat für dieses Jahr befürchten. Amerika hat einen Anteil von 28 Prozent am Weltsozialprodukt und es gilt noch immer der Satz ‚wenn die Amerikaner husten, kriegt die Welt einen Schnupfen’. Dazu gehören auch wir in Deutschland“.

Gegen die Senkung des Zinssatzes

Der ifo-Präsident spricht sich aber trotz dieser Gefahren gegen eine Senkung des Zinssatzes der Europäischen Zentralbank aus, um indirekt – über billigere Kredite – den Binnenkonsum anzukurbeln. Sinn rät davon ab. „Ich würde das jetzt noch nicht machen. Ich würde mein Pulver nicht frühzeitig verschießen, sondern erst abwarten, wie die Ansteckungswege verlaufen.“

Von einer Abschottung oder von protektionistischen Maßnahmen hält Professor Sinn nicht viel. Das sei in einer globalisierten Welt nicht realistisch. „Wir sind total verwoben in dieser Welt durch Außenhandelsverflechtungen. Vom Sozialprodukt wird Ein Viertel ins Ausland erzielt. Wir sind extrem abhängig von dem, was im Rest der Welt passiert. Das kann man gar nicht zurückdrehen.“

Im Moment bleibe nichts weiter übrig als erst einmal abzuwarten wie die Amerikaner weiter verfahren, um die Krise zu managen. Das Ende der Immobilienkrise, die zu den Turbulenzen an den Finanzmärkten und Börsen geführt hat, sei jedenfalls noch nicht absehbar. „Die Hauspreise sind nach wie vor im freien Fall begriffen. Am aktuellen Rand fallen sie immerweiter und Die Krise ist noch nicht im Griff.“