Wirtschaftskrise: Sinn fordert, 15 Jahre Merkel-Politik rückabzuwickeln

Stefan Jäger, finanzmarktwelt.de, 22. Oktober 2026.

Deutschland steckt nach Einschätzung des Ökonomen Hans-Werner Sinn in der schwersten Wirtschaftskrise seit dem Zweiten Weltkrieg. Die Industrie schrumpft, private Investitionen brechen weg und die Energiewende droht den Standort weiter zu schwächen. Während die Bundesregierung mit milliardenschweren Staatsausgaben das Wirtschaftswachstum ankurbeln will, sieht der frühere ifo-Präsident darin keine nachhaltige Lösung.

Seine Diagnose fällt alarmierend aus: Deutschland leidet nicht unter einer gewöhnlichen Konjunkturschwäche, sondern unter einer tiefgreifenden Strukturkrise. Sinn fordert deshalb nicht weniger, als 15 Jahre Merkel-Politik rückabzuwickeln, und warnt vor den dramatischen Folgen der deutschen Klimapolitik.

Deutschlands Industrie im Niedergang

Seit 2018 gehört Deutschland beim Wirtschaftswachstum zu den Schlusslichtern der OECD. Besonders dramatisch ist die Entwicklung in der Industrie. Nach Sinns Berechnungen ist die reale Produktion im verarbeitenden Gewerbe seitdem um 16 Prozent gesunken. Die Automobilindustrie verzeichnete innerhalb von acht Jahren einen Rückgang von 25 Prozent, der Maschinenbau verlor 23 Prozent und die Chemieindustrie 22 Prozent.

Für Hans-Werner Sinn ist das kein vorübergehender Abschwung, sondern Ausdruck einer strukturellen Fehlentwicklung. Während andere Volkswirtschaften wachsen, verliert Deutschland zunehmend an Wettbewerbsfähigkeit. Besonders kritisch bewertet er die negativen Nettoinvestitionen im privaten Sektor. Staatliche Milliardenprogramme für Infrastruktur und Verteidigung könnten zwar kurzfristig die Nachfrage stützen, aber keine dauerhafte wirtschaftliche Dynamik erzeugen.

Als wesentliche Ursachen nennt Sinn den Verlust günstiger russischer Energie, Donald Trumps protektionistische Handelspolitik und die demografische Entwicklung. Bis 2035 werde Deutschland gegenüber dem Jahr 2000 rund neun Millionen mehr Menschen über 65 Jahre haben, während die Bevölkerung im Erwerbsalter um 6,6 Millionen schrumpfe.

Die Folgen für Rentensystem, Arbeitsmarkt und Staatsfinanzen seien erheblich. Sinn fordert deshalb längere Lebensarbeitszeiten, qualifizierte Zuwanderung und eine grundlegende Reform der Sozialpolitik.

Besonders scharf rechnet der Ökonom mit der Wirtschaftspolitik Angela Merkels ab. Seine Forderung lautet, 15 Jahre Merkel-Politik rückabzuwickeln. Dazu zählt er den Atomausstieg, die Aufweichung früherer Arbeitsmarktreformen und die Rentenpolitik. Beschleunigte steuerliche Abschreibungen sollen zudem private Investitionen wieder attraktiver machen.

Energiewende bedroht den Wirtschaftsstandort

Noch drastischer fällt Sinns Kritik an der deutschen Energiewende aus. Zwar bestreitet er den menschengemachten Klimawandel keineswegs, hält Deutschlands Weg zur Klimaneutralität bis 2045 jedoch für wirtschaftlich und technisch nicht realisierbar.

Deutschland habe seine CO₂-Emissionen seit 1990 bereits um 48 Prozent reduziert. Der verbleibende Weg zur Klimaneutralität sei allerdings deutlich schwieriger. Wind- und Solarenergie müssten nach seiner Rechnung innerhalb von knapp zwei Jahrzehnten ungefähr verzehnfacht werden. Hinzu kämen ungelöste Probleme bei der langfristigen Stromspeicherung und hohe Kosten für parallele Energieversorgungssysteme.

Hans-Werner Sinn warnt deshalb vor einer weiteren Deindustrialisierung. Die bisherigen Emissionssenkungen seien seiner Einschätzung nach teilweise auf den Rückgang industrieller Produktion zurückzuführen.

Auch Europas Klimapolitik hält er für verfehlt. Nationale Alleingänge beim Verzicht auf fossile Energieträger würden die globale Ölförderung kaum reduzieren. Stattdessen werde das Öl lediglich in anderen Ländern verbraucht. Sinn plädiert daher für einen internationalen Klimaklub, der die Nachfrage gemeinsam senkt.

Sein wirtschaftspolitisches Fazit ist eindeutig: Ohne eine grundlegende Kurskorrektur bei Energie, Regulierung, Renten und Investitionen droht Deutschland ein dauerhafter Verlust industrieller Substanz. Die entscheidende Frage ist nicht mehr, wann die nächste Konjunkturerholung kommt, sondern ob Deutschland die Ursachen seiner Wirtschaftskrise rechtzeitig beseitigen kann.

Warum Hans-Werner Sinn 15 Jahre Merkel-Politik rückabwickeln will und welche Folgen er für Deutschlands Wirtschaftsstandort befürchtet, erklärt der Ökonom im nachfolgenden Vortrag. Seine Analyse ist ebenso schonungslos wie seine Reformforderungen weitreichend.

Nachzulesen auf www.finanzmarktwelt.de.

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