Rente mit 63 muss sofort abgeschafft werden

Führende Politiker einer möglichen Jamaika-Koalition stellen die Rente mit 63 in Frage. Im Interview mit FOCUS erklärt der frühere Ifo-Chef Hans-Werner Sinn, weshalb das längst überfällig ist und wieso er trotz allem optimistisch in die Zukunft blickt.
Hans-Werner Sinn

Focus Money Online, 2. November 2017

CDU-Politiker Jens Spahn stellt die Rente mit 63 in Frage. Verschafft Ihnen das Befriedigung? Schließlich kritisieren Sie die Frührente seit Jahren.

Die Einführung der Rente mit 63 war ökonomisch und gesellschaftlich unverantwortlich. Angesichts des Umstandes, dass die Menschen immer länger leben, immer weniger Nachkommen haben, gibt es ein wachsendes rechnerisches Defizit in der Rentenversicherung. Dieses Defizit kann man nur durch radikale Maßnahmen in den Griff bekommen. Und eine davon ist die Erhöhung des Renteneintrittsalters. Man muss zu dem alten Müntefering-Vorschlag der allmählichen Erhöhung des Rentenalters auf 67 Jahre zurückkehren. Und zwar für alle Versicherten.

Also sollte die Rente mit 63 sofort und ausnahmslos wieder abgeschafft werden?

Ja.

Es gibt Menschen, die körperlich nicht in der Lage sind, so lange zu arbeiten. Eine Idee ist, zumindest für sie die Rente mit 63 aufrechtzuerhalten. Wie bewerten Sie das?

Für Menschen, die körperlich so beansprucht sind, dass sie ihren Erwerb nicht mehr ausüben können, gibt es die Erwerbsunfähigkeitsrente. Damit können diese Menschen ohnehin früher in Rente gehen. Und das sollte auch so bleiben.

Denken Sie, dass 67 Jahre langfristig als Rentenalter ausreichen wird?

Man muss noch andere Maßnahmen ergreifen, etwa den Beitragssatz erhöhen oder die Renten kürzen. Das ist aber jetzt noch nicht nötig, sondern erst dann, wenn die Babyboomer, die jetzt Anfang 50 sind, in Rente gehen. Also in spätestens 15 Jahren.

Was sind Ihre Erwartungen an eine wahrscheinliche Jamaika-Koalition?

Ich begrüße die Jamaika-Koalition. Sie ist ja auch die einzige Möglichkeit, die sich heute ergibt. Ich kann mir vorstellen, dass sie funktioniert. Man wird jedem das seine geben müssen: den Grünen das Klima, der CSU die Flüchtlinge und der FDP Europa. Die CDU wird sich mit dem Rest zufriedengeben müssen. Aber die CDU ist ja ohnehin flexibel.

Welche Erwartungen haben Sie an die neue Regierung?

Ich glaube, die schwarz-rote Koalition hat sehr viel falsch gemacht, indem sie die Schröder'schen Reformen teilweise rückabgewickelt hat. Es kann jetzt nur noch besser werden.

Das Interview führte Antonia Schäfer.

Nachzulesen bei www.focus.de