Befeuern Erzeugerpreise die Inflation?

Axel John, tagesschau.de, 1. Januar 2022.

Die Inflation ist hoch, die Erzeugerpreise in Deutschland auch. Während die EZB erwartet, dass die hohe Teuerungsrate vorübergehend ist, befürchten manche Experten ein "inflationäres Regime".

Jens Pohlmann geht mit einem zufriedenen Lächeln durch die verwaiste Firmenhalle seines Betriebes. Die Belegschaft ist zwischen den Jahren im Urlaub. ProContur im rheinland-pfälzischem Wittlich produziert Feinblech- und Kunststoffprodukte. Die Kunden reichen von Medizintechnik bis zur Elektro-Mobilität. "Wir sind in diesem Jahr ordentlich gewachsen - und das trotz vieler Herausforderungen durch Corona. Den Materialmangel konnten wir erstmal kompensieren. Aber die daraus resultierende Teuerung wird uns noch lange begleiten", erzählt Pohlmann, während er auf seinen Maschinenpark schaut.  

Die massiven Preissprünge hätten bereits Mitte 2020 wenige Wochen nach dem ersten Lockdown angefangen, erinnert sich der Firmenchef. "Damals kostete das Kilo verzinkter Stahl 70 Cent. Im Sommer diesen Jahres waren wir schon bei einer Verdopplung, und im Herbst lag der Preis sogar bei 2,40 Euro. Mit unseren Preisen haben wir schon teils nachziehen müssen." Überrascht habe ihn aber, dass die Kunden trotz steigender Kosten weiter sehr viel bestellt hätten. "Das hätte ich nicht erwartet und so etwas habe ich auch noch nicht erlebt." 

Pohlmanns Erfahrungen zeigen sich auch in den bundesweiten Statistiken. Danach waren die Erzeugerpreise gewerblicher Produkte im November um 19,2 Prozent höher als im November 2020. Laut Statistischem Bundesamt war das der höchste Anstieg seit 1951. Zur Einordnung: damals begann der Wiederaufbau des kriegszerstörten Deutschlands. Hauptverantwortlich für den Anstieg jetzt seien weiter die Energiekosten, so das Statistische Bundesamt. 

Viele Branchenverbände und Wirtschaftsexperten rechnen damit, dass die Lieferketten im nächsten Jahr wieder funktionieren und dann genügend Material für die Industrie da sein werde. Die Preissteigerungen dürften dann auch nachlassen. Pohlmann glaubt aber nicht mehr an eine Rückkehr an die Zeiten von vor Covid. "Das dürfte künftig auf einem anderen Preisniveau weitergehen. Wenn die Automobilbranche wieder richtig anfährt, steigen auch die Preise für unsere Materialien."

Für die Europäische Zentralbank (EZB) ist die Preisentwicklung kein Grund zur Sorge. "Die Inflation sollte im Laufe des kommenden Jahres zurückgehen", so Präsidentin Christine Lagarde. Allerdings musste die EZB bei der Vorstellung ihrer Inflationszahlen ihre letzten Prognosen deutlich korrigieren. Für 2022 rechnet man jetzt mit einer Teuerung von 3,2 Prozent. Bisher lag der Wert nur bei 1,7 Prozent. Ab 2023 soll der Wert dann bei 1,8 Prozent liegen. Der Anstieg der Energiekosten dürfte sich auf Dauer beruhigen und damit auch die Inflation, hofft Lagarde.  

In München hat auch Hans-Werner Sinn die Aussagen Lagardes aufmerksam erfolgt. "Nachdem die EZB ihre alten Prognosewerte fast verdoppelt hat, halte ich die Inflationsprognose der EZB für 2022 für einigermaßen realistisch. Diese hohe Inflation bedeutet einen hohen Verlust an Kaufkraft. Lohnbezieher, Rentner und Sparer sind stark betroffen", sagt der frühere Präsident des Wirtschaftsforschungsinstituts ifo.   

Sinn befürchtet im Gegensatz zur EZB aber eine dauerhafte Teuerung und nennt dafür mehrere unterschiedliche Gründe: "Die Gewerkschaften werden bei den Lohnverhandlungen des Jahres 2022 einen Ausgleich verlangen, was die Inflation dann für 2023 weiter treibt. Außerdem gibt es Vorzieheffekte. Die Konsumenten langlebiger Güter wollen schnell noch kaufen, bevor es teurer wird. Die Nachfrage steigt und das facht die Teuerung abermals an."

Zudem sieht Sinn dauerhaft strukturelle Gründe für eine anhaltend hohe Teuerung - etwa durch die Energiewende. "Kein anderes Land in der Welt forciert den Umstieg in teurere grüne Energien mit einem solchen Nachdruck wie Deutschland. Nach einem Jahrzehnt der mehr oder weniger stagnierenden Preisentwicklung treten wir jetzt in ein inflationäres Regime ein, das an die 1970er-Jahre erinnert."

Diese Entwicklung kommt für den Wirtschaftswissenschaftler nicht überraschend. Er hatte bereits vor einem Jahr in einer Rede darüber gesprochen, als die Inflation noch sehr gering war. "Wir haben in der Corona-Krise riesige staatliche Konjunkturprogramme gehabt, wie wir sie noch nie gesehen haben. Gleichzeitig hat es den Lockdown gegeben, der zu der Angebotsverknappung geführt hat, weil nicht mehr so viel produziert wurde", so Sinn.

Aber warum sieht dann die EZB keine Gefahr für eine dauerhaft hohe Inflation und macht mit ihrer lockeren Geldpolitik weiter? "Es gibt Stellungnahmen aus der Spitze der EZB, das Schuldenproblem im Süden des Euroraumes mit Hilfe der Inflation zu lösen. Mit der Entwertung des Geldes sollen auch die Schulden entwertet werden", erklärt Sinn.

"Andere hochrangige Experten wie der frühere Chefvolkswirt der EZB, Ottmar Issing, und ehemalige Zentralbankchefs, haben den Verdacht geäußert, die EZB lasse die Zinsen so niedrig, weil sie die überschuldeten Staaten der Eurozone vor Belastungen schützen will", erklärt Sinn. Solcherlei Motivationslagen bedeuteten aber einen Verstoß gegen den Auftrag des Maastrichter Vertrages, das Preisniveau stabil zu halten, mahnt der Experte.

In Wittlich schließt Unternehmer Pohlmann die Tür zum Firmengelände ab. 2021 ist für ProContur gut gelaufen, aber was bringt das nächste Jahr? "Unsere Stromkosten werden ungefähr um 100.000 Euro pro Jahr nach oben gehen. Das ist eine enorme Belastung. Auch das werden wir über unsere Preise kompensieren müssen. Wir werden nicht die einzigen sein. Strom ist in der Wirtschaft überall drin und damit auch in weiter steigenden Preisen."

An der Teuerungsfront sieht er entgegen den Voraussagen der EZB keine Entspannung. "Ich bin zwar kein Volkswirt und bewerte das nur aus meiner Erfahrung: Die Preisschraube dreht sich nicht mehr zurück. Eine Inflationsrate von drei bis fünf Prozent würde ich für das kommende Jahre als normal ansehen."

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