"Ich glaube an keinen Euro-Crash wegen Corona"

Der langjährige ifo-Präsident Hans-Werner Sinn scheut sich nicht, unbequeme Wahrheiten auszudrücken. So kritisiert der Ökonom nicht nur das allzu emsige Schnüren von Hilfspaketen, sondern auch so manches andere Vorgehen rund um Corona.
Hans-Werner Sinn

Tiroler Tageszeitung, 25. Oktober 2020, S. 26/27.

Fanden Sie die anfängliche Ablehnung des Corona-EU-Hilfspakets von Bundeskanzler Sebastian Kurz angemessen?

Ich glaube, er hat die solidarische Hilfsmaßnahme nicht grundsätzlich abgelehnt. Es gab Aspekte, die ihn stören – wie die Kreditaufnahme der EU. Dieses Vorgehen ist eigentlich verboten und kam hier erstmals vor. Normalerweise müssten Kredite in nationalen Haushalten ausgewiesen werden. Zudem rettet das Hilfspaket nicht nur die Süd-Länder, sondern vor allem auch französische Banken. Sie haben Ausleihungen an italienische Instanzen getätigt, die vier Mal so hoch sind wie die der Deutschen. Vielleicht störte Kanzler Kurz auch, dass das Geld aus den Druckerpressen des Eurosystems kommt, was mit einer Gefahr für den Geldwert verbunden ist.

Worin besteht das Problem des Wachstums der Geldmenge?

Die Zentralbank-Geldmenge ist über vier Mal so groß wie noch im Jahr 2008 und wird sich bis zum Sommer nächsten Jahres versechsfacht haben. Das ist eine Gefahr, weil dahinter kein Zuwachs der Wirtschaftsleistung steht. Das birgt Inflationsgefahr, was ich mit großer Sorge sehe. Viele Regime der Welt haben sich in der Historie der Druckerpresse bedient, weil es so schön einfach schien. Zunächst lief das  gut. Aber in aller Regel kam später das dicke Ende nach.

Ist Österreichs wirtschaftliches Fundament solide genug, um immer wieder großzügige Hilfspakete für andere Länder zu schnüren?

Defnitiv nicht. Deutschland und Österreich haben ein gravierendes demografsches Problem. Die Babyboomer gehen auf die 60 Jahre zu und werden bald ihre wohlverdiente Rente fordern. Wer dieses Problem vor Augen hat, darf die künftige Generation nicht zusätzlich mit Rettungsschirmen belasten. Ich muss Kanzler Kurz sehr loben, weil er auf diese Probleme oft hinweist.

Corona setzt den Tiroler Tourismusbetrieben zu. Was würden Sie ihnen für die Wintersaison raten?

Sie sollten ein klares Hygienekonzept anbieten und mit Zuversicht dem Winter entgegensehen.

Wird mit den Reisewarnungen der Deutschen Politik gemacht?

Ja natürlich. Dahinter stehen auch nationale Interessen.

Überlebt der Euro Corona?

Man wird den Euro halten. Ich glaube an keinen Euro-Crash. Immer mehr Transfersysteme werden jene Länder stützen, die mit dem Euro nicht zurecht kommen. China droht Europa wirtschaftlich abzuhängen.

Hat Corona die bestehende Kluft vergrößert?

Dieser Prozess ist unabhängig von Corona im Gange. Europa tut gut daran, den Handel mit China zu pflegen. Alles, was an China hängt, kommt derzeit sehr rasch aus der Krise. Die Chinesen sind dabei, das Virus zu besiegen. Sie haben eine Million Impfungen durchgeführt und einen fulminanten wirtschaftlichen Aufschwung vor sich.

Würden Sie sich eine frühe Version eines Impfstoffs injizieren lassen?

Ich würde mich impfen lassen, sobald es möglich und der Impfstoff sicher ist.

Neben Corona strapaziert der Brexit die Wirtschaft. Welche Facette daran wird für die EU am fatalsten sein?

Nicht zu verkraften ist der Umstand, dass sich die Machtverhältnisse in der EU verschieben – hin zu den Mittelmeerländern. Die werden zusammen mit Frankreich künftig den Kurs der EU vorgeben.

In Sachen Umweltpolitik erweckt es den Eindruck, es gehe Politikern oft primär darum, ihr Gewissen zu beruhigen, statt wirtschaftlich sinnvolle, nachhaltige Konzepte auszuarbeiten. Liege ich falsch?

Das Pariser Klimaabkommen etwa ist bei weitem nicht so ermutigend, wie die Grünen es hinstellen. 200 Länder haben unterschrieben. 170 haben sich dabei nicht verpflichtet, CO2-Mengenbeschränkungen einzuhalten. Wir brauchen ein Abkommen, wo sich alle verpflichten, sich einzuschränken. Schränken nur wir uns ein und nutzen weniger fossile Brennstoffe, haben die verbliebenen Länder umso mehr davon zur Verfügung. Glauben Sie nicht, dass die Erdölmengen, die Europa auf den Weltmärkten nun nicht mehr kauft, im Boden bleiben. Sie werden anderswo zu fallenden Preisen verbraucht. Insofern ist der Wechsel zum Elektroauto in Europa vollkommen wirkungslos. Sogar kontraproduktiv, wenn er staatlich erzwungen wird.

Sie fahren folglich kein Elektroauto, nehme ich an?

Ich fahre keines, würde mich aber nicht scheuen, eines für den Stadtverkehr zu nutzen. Ich würde aber nicht wagen, damit weite Distanzen zurückzulegen.

Werden E-Fuels – synthetische Kraftstoffe, die durch Strom aus Wasser und Kohlenstoffdioxid hergestellt werden – die Zukunft der Energiewende sein?

Ich bin da skeptisch, weil E-Fuels gegenüber wasserstoffbetriebenen Brennstoffzellen einen halb so großen Wirkungsgrad haben. Alles hängt davon ab, in welchem Bereich wir die CO2-freie Energiewende haben. Mit Wind- und Sonnenstrom kann man keine Wasserstoffwirtschaft aufbauen, allenfalls in der Sahara. Hier brauchen wir die Kernenergie.

Sind Atomreaktoren der vierten Generation vielversprechend?

Ich denke schon, aber man muss Ergebnisse des offenen Wettbewerbs verschiedener Systeme beobachten. Die Atomkraft ist die einzige Möglichkeit, in größerem Umfang regelbare Energie ohne CO2-Emission zur Verfügung zu stellen. Wind- und Sonnenstrom sind nicht regelbar.

Wie realisierbar ist die Kernfusion als Alternative?

Realisierbar allemal, nur ist sie aufwändig und zieht sich über Jahrzehnte. China hat verkündet, bis 2030 einen funktionsfähigen Fusionsreaktor zu haben. Gelingt es, das kommerziell zu realisieren, wäre es ein Segen für die Menschheit.

Das Interview führte Judith Sam.