Rosskur für den Patienten

Presseecho, Rezension, WirtschaftsWoche, 23.10.2003, 110

Neuerscheinungen, die sich mit Deutschland und seinen Krisen befassen

Vom einstigen Wirtschaftswunderland Deutschland ist wenig geblieben. Wir haben unsere Gesellschaftspolitik nicht nur aufs Altenteil geschickt, wir haben uns auch in der sozialen Hängematte das Rückgrat weichgelegen. Den Hintern bekommen wir schon lange nicht mehr hoch. Deutschland ist zum kranken Mann in Europa geworden, nur noch Schlusslicht beim Wachstum, außer Stande, mit Ländern wie Holland, Österreich, England oder Frankreich mitzuhalten. Da drängt sich die Frage auf. IST DEUTSCHLAND NOCH ZU RETTEN? Der das fragt, ist kein Geringerer als Hans-Werner Sinn, Professor für Nationalökonomie und Finanzwissenschaft an der Ludwig-Maximilian Universität in München und Chef des Ifo-Instituts. Um die gute Nachricht vorweg zu nehmen: Seine Antwort lautet "Ja". Einziger Haken: Der Weg, den er in seinem neuen Buch aufzeigt, ist eine Rosskur. 50 Jahre Filz und Bürokratie haben der Wirtschaft und Gesellschaft eine Zwangsjacke angelegt, aus der es sich jetzt zu befreien gilt. Zum Beispiel so:

  • Länger arbeiten, mindestens 42 Stunden.
  • Weniger Macht für die Gewerkschaften, weg mit den Flächentarifen, mehr Tarifautonomie für die Betriebe.
  • Weniger Geld fürs Nichtstun. Durch den Lohnersatz in Form von Arbeitslosengeld, -hilfe, Sozialhilfe oder Frührente macht sich der Staat nur zum Konkurrenten der privaten Wirtschaft.
  • Weg mit dem Kündigungsschutz, Arbeitsmärkte müssen flexibler werden.
  • Zuwanderer dürfen nicht in den Genuss sämtlicher Errungenschaften des Sozialstaates kommen.
  • Steuern reformieren mit dem Ziel, den Staatsanteil am Bruttosozialprodukt rigoros einzudampfen.
  • Mehr Kinder, mehr Rente. Lernen von Frankreich lautet sein Appell. Dort wurde die Geburtenrate dank staatlicher Anreize erhöht.

Sinns Reformpaket ist konsequent, aber hart an der Schmerzgrenze für diejenigen mit politischer Verantwortung. Ein Buch, das Fakten konsequent interpretiert und daraus eine Medizin mischt, die möglicherweise den Patienten Deutschland wirklich heilen könnte. Nur eine Frage bleibt: Wer hat den Mut, sie zu verschreiben?

Ins gleiche Horn wie Hans-Werner Sinn stößt Peter Strüven. Der Senior Vice-President der Boston Consulting Group (BCG) nimmt den Absturz des einstigen Wirtschaftswunderlandes Deutschland so wie Sinn zum Anlass, die Hintergründe zu beleuchten. Scharfsinnig und ohne erhobenen Zeigefinger beschreibt er in seinem Buch DER BEFREIUNGSSCHLAG, warum wir Richtung Abgrund trudeln. Er fordert: Weg mit den Subventionen, her mit klaren Steuergesetzen, zudem muss sich Arbeit wieder lohnen, nicht die Arbeitslosigkeit. Auch Bildungseinrichtungen sollten an ihren Leistungen gemessen werden.

Natürlich sind auch Strüvens Ideen nicht neu, aber die Art und Weise, wie er die schwere Kost anrichtet, ist gekonnt. Beide Autoren, Sinn wie Strüven, schreiben engagiert und liefern genug Anschauungsmaterial, wie man es besser machen kann - und muss. Fazit: lesenswert.

ULRICH GROOTHUIS