„Die Schuldenlasten werden wie ein Wasserfall über uns hereinbrechen“

Michael Höfling, DIE WELT, 2. September 2026, Nr. 169, S. 9.

IW-Direktor Michael Hüther fordert, den Euro zur Weltleitwährung auszubauen und dafür auch gemeinsame europäische Schulden zu nutzen. Doch was halten seine Ökonomen-Kollegen davon? 

Der Vorstoß von Michael Hüther, dem Chef des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), den Vertrauensverlust des US-Dollar dafür zu nutzen, den Euro zur Weltleitwährung auszubauen und zu diesem Zweck auch neue gemeinsame europäische Schulden einzuführen, stößt unter von WELT befragten Ökonomen überwiegend auf Kritik. „Was Europa benötigt, um den Euro als Weltwährung voranzubringen, ist der Vorrang für Wachstum, Innovationen und Bürokratieabbau – aber keine gemeinsamen europäischen Schulden“, so Friedrich Heinemann, Leiter des ZEW-Forschungsbereichs „Unternehmensbesteuerung und Öffentliche Finanzwirtschaft“ und außerplanmäßiger Professor für Volkswirtschaftslehre an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg, zu WELT.

Das Gewicht Europas in der Weltwirtschaft falle rapide, so Heinemann weiter. Gravierende Schuldenprobleme hätten inzwischen mit Frankreich das Herz der Währungsunion erreicht. Die hohen Schulden machten es für die EZB immer schwieriger, die Preisstabilität zu verteidigen. „Gemeinsame Euro-Anleihen ändern an all diesen Problemen wenig. Sie laufen sogar Gefahr, die Attraktivität des Euro als Anlagewährung weiter zu schädigen. Denn bislang werden gemeinsame EU-Anleihen vor allem dafür eingesetzt, hoch verschuldeten EU-Mitgliedstaaten das Schuldenmachen noch zu erleichtern. Es ist schwer zu erkennen, warum das dem Euro als Reservewährung nützen sollte“, so Heinemann weiter.

Hüther hatte im Interview mit dem „Handelsblatt“ erklärt, „mittel- und langfristig kann ein größerer Euro-Anleihemarkt die Finanzierungskosten der gesamten Währungsunion senken – abgesehen vom geopolitischen Gewinn“. Er mahnte insbesondere in Deutschland Offenheit gegenüber der Idee an: „Wir dürfen nicht die Scheuklappen aufsetzen, sobald der Begriff Eurobonds fällt.“ Die Implementierung eines entsprechenden europäischen Safe Assets, also eines sicheren Vermögenswerts, der auch in schweren Krisen seinen Wert nahezu vollständig erhält, sehe er als „langfristigen Prozess von zehn bis 15 Jahren. 

Unser Vorschlag sieht auch nicht vor, die Staatsschulden aller Länder zusammenzulegen. Eine europäische Investitionsunion könnte auf klar definierte Projekte begrenzt werden, etwa grenzüberschreitende Infrastruktur, Energie, Digitalisierung oder Verteidigung“.

Widerspruch erntet der Vorschlag auch von Stefan Kooths, Leiter des Prognosezentrums im Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW). „Die Frage von gemeinsamen Anleihen – einerlei, ob für neue Schulden oder zur Vergemeinschaftung von Altschulden – muss sich nach fi skalischen Kriterien richten, nicht nach monetären. Eine überzeugende Begründung für fiskalisch gebotene Gemeinschaftsschulden kann ich im Vorstoß von Herrn Hüther nicht erkennen.“ Die Attraktivität einer Weltreservewährung bestehe in der ökonomischen wie militärischen Potenz des sie bereitstellenden Wirtschaftsraums. Prosperierende Regionen, die ihren Wohlstand im Notfall auch zu verteidigen wissen, seien als Emittent eines Reservemediums attraktiv.

Daran könne die EU arbeiten. Eurobonds brauche es dafür nicht. Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), hält Hüthers Vorschlag hingegen für bedenkenswert. „Die Europäische Union benötigt gemeinsame Staatsanleihen. Die gestärkte internationale Rolle des Euro ist dabei jedoch einer der weniger wichtigen Vorzüge. Europa benötigt gemeinsame Steuern und Staatsanleihen, um gemeinsame Aufgaben besser erfüllen zu können, insbesondere um gemeinsam in Innovation, Infrastruktur, Klimaschutz und Verteidigung investieren zu können.“

Vor allem die Deutschen müssten verstehen, dass das Land seine nationalen Interessen heute, und mehr noch in Zukunft, nur als Teil eines starken, geeinten Europas wahren könne.

Hans-Werner Sinn, früherer Präsident des ifo Instituts, Direktor des Center for Economic Studies (CES) und Geschäftsführer der CESifo GmbH, greift den Gedanken an die Notwendigkeit einer gemeinsamen Verteidigung auf. Er betont dabei aber die nötige Trennschärfe zu allgemeiner Verschuldung: „Wenn wir unsere Armeen zusammenlegen und eine echte politische Union bilden, dann kann das Vertrauen in den Euro gesteigert werden, und als Konsequenz kommen dann niedrigere Zinsen heraus. Das könnte man versuchen.“ Eine Gemeinschaftshaftung für die Schulden sei dabei aber kontraproduktiv, denn sie führe zu einer übermäßigen Verschuldung. Die Anreize könne man durch rechtliche Schranken nicht wirksam eindämmen. „Die Schuldenlasten werden wie ein Wasserfall über uns hereinbrechen. Wenn wir Pech haben, kopieren wir mit den europäischen Anleihen nur den zweiten Teil der amerikanischen Währungsgeschichte und enden dann schon recht bald dort, wo Amerika heute steht.“

Auch Daniel Stelter, Ökonom und Strategieberater sowie Host der Podcasts „BTO“ und „MEGA – Make Economy great again“, betont die ungelösten Probleme gemeinschaftlicher Verschuldung ohne Haftung. „Europa braucht gemeinsame Handlungsfähigkeit, gerade bei Verteidigung, Energie- und Stromnetzen sowie grenzüberschreitender Infrastruktur“, sagt er. „Aber gemeinsame Projekte sind nicht dasselbe wie gemeinsame Dauerschulden. Wir haben bereits gemeinsame Haftungselemente, aber keine wirksame gemeinsame Finanzkontrolle. Wer jetzt Eurobonds fordert, muss zuerst beantworten: Wer setzt Regeln durch, wer haftet im Ernstfall – und wer stoppt einen großen Mitgliedstaat, wenn er die Regeln bricht?“

Volker Wieland, Stiftungsprofessor für Monetäre Ökonomie und Geschäftsführender Direktor des Institute for Monetary and Financial Stability an der Goethe-Universität Frankfurt, weist auf eine zunehmende Häufung von Vorstößen in Richtung gemeinsamer europäischer Schulden hin. „Auch der frühere IWF-Chefökonom Olivier Blanchard hatte gemeinsam mit dem Hedge-Fonds-Ökonom Angel Ubide bereits einen entsprechenden Vorschlag gemacht. Beide versprechen sich wie auch Hüther von gemeinsamen Euro-Anleihen, dass sie für die internationalen Reserven von anderen Staaten und Finanzinstitutionen eine attraktivere Anlage darstellen als deutsche oder niederländische Anleihen, weil es dann eben mehr von ihnen gäbe.“

Ob es gelinge, dass der Euro damit seine Rolle als internationale Reservewährung ausbauen könne, sei zweifelhaft, ebenso, ob es einen nennenswerten Unterschied bei den Zinsen machen würde. „Der Anteil des Euro an den internationalen Reserven liegt seit Langem stabil bei etwa 20 Prozent. Vor der Euroschuldenkrise zwischen 2011 und 2013 war der Anteil noch etwas höher. Dynamik sieht anders aus“, so Wieland weiter. Er betonte, Eurobonds erhöhten die Anreize für Fehlverhalten von Regierungen, Trittbrettfahrerverhalten und Moral Hazard, was zu höherer Verschuldung, mehr Konflikten und Instabilität führe.

Auf dem Kurznachrichtendienst X hatte sich zuvor auch Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank, kritisch zum Vorstoß des IW-Direktors geäußert. „Hüther will den Euro durch mehr gemeinsame Schulden zur Leitwährung machen. Er sollte wissen, dass der Euro nicht wegen fehlender Schulden nie zur Leitwährung wurde, sondern wegen seiner Konstruktionsprobleme (Währungsunion ohne pol. Union)."
 

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