„Sinn sagt Servus“

von Ralf Müller, abendzeitung-muenchen, 15. Dezember 2015

Den Ifo-Chef mit dem Käpt’n-Ahab-Bart kennt auch, wer mit Ökonomie nicht allzu viel am Hut hat. Bald geht der Wirtschaftsprofessor in Pension. An der LMU hat er jetzt seine Abschieds-Vorlesung gehalten.

Er wird uns fehlen – wenn auch aus unterschiedlichen Gründen: den einen als Vorbild und Wissenschaftler der klaren Worte, den anderen als Ärgernis und Provokation. Und den Medien als Interview- und Talk-Partner mit der Fähigkeit, komplizierteste Sachverhalte auf den Punkt zu bringen: Hans-Werner Sinn, Präsident des Münchener Ifo-Instituts und Hochschullehrer, hat am Montagabend in München seine Abschiedsvorlesung gehalten. 

Es war keine Vorlesung im üblichen Sinn(e), sondern eine Mischung aus Biografie, Geschichte, Volkswirtschaftslehre und Anekdoten. „Ich werde Sie strapazieren müssen“, hatte Sinn zu Beginn die Zuhörer in der überfüllten Großen Aula der Münchener Ludwig-Maximilians-Universität gewarnt. Es wurde kurzweilig, wie immer, wenn Sinn die ökonomische Welt erklärt. 

„Boulevardprofessor“ und „Donald Trump der Ökonomie“ 

Sinn polarisierte gegen Ende seiner Amtszeit immer mehr. Der „Stern“ bescheinigte ihm, sich wie andere Männer „über 50“ zu „radikalisieren“. 

Eine nicht mehr existente Wirtschaftszeitung bezeichnete ihn einst als „Boulevardprofessor“, andere gar als „Donald Trump der Ökonomie“ oder als „Horst Seehofer der Volkswirtschaftslehre“. Professorenkollege Lars Feld bescheinigt Sinn, „mit der Zeit immer schriller“ geworden zu sein. 

Den Vorwurf, die wissenschaftliche Arbeit zugunsten von Scheinwerferlicht und populärer Wissenschaftsshow vernachlässigt zu haben, kann man ihm nicht machen. Sinn hinterlässt ein fast unüberschaubares wissenschaftliches Werk und sowohl Fach- wie populärwissenschaftliche Bücher. Er wurde sowohl zum „Hochschullehrer des Jahres“ wie auch zu „Deutschlands einflussreichsten Ökonomen“ gekürt. 

Hans-Werner Sinn provoziert die Politiker gerne 

Vielleicht mögen die Medien den Westfalen mit dem Käpt’n-Ahab-Bart vor allem deshalb, weil er so gut das Prinzip „Only bad news are good news“ (nur schlechte Nachrichten verkaufen sich gut) bedient. Den ökonomischen Untergang des Abendlandes sieht Sinn spätestens seit der deutschen Wiedervereinigung heraufdämmern, bei der nach seiner Ansicht die Kardinal-Fehler entworfen wurden, die jetzt im europäischen Maßstab zum ganz großen Desaster führen könnten – oder vielleicht sogar werden? 

Sinn reibt sich gerne an der Politik. Der von ihm erweckte Eindruck, dass die Politiker so ziemlich alles falsch machen, was sie falsch machen können, entstand besonders bei den Bemühungen um die Euro-Rettung. Nicht nur Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble platzte da einmal der Kragen. Der CDU-Politiker erinnerte daran, wer Sinns Ifo-Institut finanziert, nämlich hauptsächlich der Bund. 

Er werde versuchen, sich zurückzuziehen – zumindest tagesaktuell 

„Wir dürfen uns nicht dem Zeitgeist anpassen“, gab Sinn seinem Nachfolger Clemens Fuest, Volkswirtschaftslehrer an der Universität Mannheim, mit auf den Weg. 

Und den Politikern verpasste er noch ein paar Ohrfeigen: „Schmerzliche Reformen werden nur gemacht, wenn man mit dem Rücken zur Wand steht.“ Und: „Verantwortungsethik erfordert Fachwissen, Gesinnungsethik nicht.“ „Populär“ sei daher – wen wundert’s – die „Gesinnungsethik“. 

Mindestens zwei konkrete Voraussagen macht Sinn zu seinem Abgang: Die „Rente mit 63“, Ausprägung einer „verantwortungslosen Politik“, werde sich bitter rächen. Außerdem werde man in zwei Jahren über das vierte Hilfsprogramm für Griechenland diskutieren. Aus dem wirtschafts- und finanzpolitischen Getümmel will sich Sinn nach seinen eigenen Worten zurückziehen. Vom „Austragshäusl“ in der Münchner Peripherie, wolle er dann das „Geschehen der Welt“ betrachten. Sinn versprach: „Tatsächlich werde ich versuchen, mich nicht mehr tagesaktuell zu äußern“, wobei wohl die Einschränkung „tagesaktuell“ wichtig ist. Als neuen Ansprechpartner empfahl er doppel-sinnig Nachfolger Clemens Fuest: „Sie werden viel Spaß mit ihm haben.“

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