„Ifo-Chef Sinn geißelt Macht der Finanzwirtschaft“

von Stephan Lorz, Börsen-Zeitung, Nr. 248, 29. Dezember 2015, S. 1.

Top-Ökonom fordert höhere Eigenkapitalunterlegung für Anleihen von Banken

Der Präsident des Münchner Ifo-lnstituts, Hans-Werner Sinn, warnt vor einer Übermacht der Finanzwirtschaft mit dramatischen Folgen für die Realwirtschaft. Kernproblem sei die regulative Bevorzugung, sagte er im Interview der Börsen-Zeitung: Staatsanleihen könnten ganz ohne Eigenkapitalunterlegung erworben werden, und Anleihen von EU-Banken würden im Schnitt nur mit einem Risikogewicht von 0,2 bewertet, während die eines „soliden, gut geführten mittelständischen Unternehmens“ mit einem Wert zwischen 0,5 und 1 belastet würden. Sinn: „Das ist eine Schieflage, die man zügig korrigieren muss.“

Diese Einordnung führt nach seiner Ansicht auch zu einer generell falschen Risikoeinschätzung der Anleger. Zumal der Bankensektor trotz der Erfahrungen aus der Finanzkrise weiterhin auf eine Sozialisierung etwaiger Verluste setzen könne. So entstünden „künstliche Risikoprämien“, die häufig rentierlicher scheinen als die von Unternehmen.

Generell hält Sinn die Dominanz des Finanzkapitalismus für höchst bedenklich. Finanztransaktionen würden seit 2013 wieder schneller wachsen als die Realwirtschaft. Er bezweifelt, dass die Bruttofinanzströme „tatsächlich so viel Allokationsvorteilehaben, wie vielfach von der Finanzwirtschaft unterstellt“.

Großen Anteil an dieser Schieflage hat Sinn zufolge die Europäische Zentralbank (EZB) mit ihrer Rettungspolitik mittels des scharf geschalteten - aber bislang noch nicht ausgeführten - OMT-Programms gezielter Anleihekäufe von Krisenländern. „Durch die künstliche Sicherheit der Rettungsaktivitäten“ werde die Kontrollfunktion des Kapitalmarktes „außer Kraft gesetzt“. Das OMT ist in seinen Augen „der größte Schutz- und Verzerrungsmechanismus für die Kapitalmärkte überhaupt, den wir in Europa haben“. Demgegenüber hält er das QE-Programm der EZB für weitaus weniger schädlich, weil es mit den Anleihekäufen alle Länder gleichermaßen begünstige und keine neuen Verzerrungen ins System bringe.

Die nächste Finanzkrise zeichnet sich seiner Einschätzung nach bereits ab: Erst komme es aufgrund einer Sozialisierung der Risiken zu einer keynesianischen Blase, dann folge - befördert durch die Niedrigzinsphase - die Überschuldungskrise.

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