„Es gibt zu viele Träumer“

Hans-Werner Sinn

Westfalenpost.de, 02.02.2016.

"Es gibt zu viele Träumer" hält Hans-Werner Sinn, Präsident des Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung seinen Kritikern vor. Der Wirtschaftswissenschaftler, der gerne polarisiert, sprach mit der WP über die Konjunktur, über Südwestfalen und die Chancen und Risiken von Familienunternehmen.

Das Münchener Ifo-Institut gehört zur Spitze der deutschen Wirtschaftsforschungseinrichtungen; sein Geschäftsklimaindex ist eine feste Größe bei der Einschätzung der Konjunktur. Präsident des Ifo-Instituts ist der Ökonom Hans-Werner Sinn – ein Präsident, der mit seinen Positionen polarisiert. Dienstag war Sinn in Siegen zu Gast, auf Einladung der Siegerländer Familienunternehmer. Unsere Zeitung sprach mit dem Wirtschaftswissenschaftler. Von Carsten Menzel

Sind Familienunternehmen besser aufgestellt?

Hans-Werner Sinn: Die inhabergeführten, mittelständischen Unternehmen sind die Stars. Sie sind eng geführt und kontrolliert und sie haben viel Wachstumspotenzial. Wenn sie allerdings an die Börse gehen, ist es mit dem Wachstum vorbei.

Wo liegen die Chancen, wo die Risiken?

Die Chance liegt darin, dass Familienunternehmen sich sehr schnell anpassen können. Das Risiko besteht darin, dass es kein ausreichendes Eigenkapital gibt, um ganz groß zu werden. In den USA etwa ist eine lückenlose Unternehmensfinanzierung, insbesondere beim Wagniskapital, möglich, so dass aus einer Garagenfirma ein Weltunternehmen werden kann.

Wo steht die deutsche Wirtschaft aktuell?

Die Beschreibung „Auf ohne Schwung“ ist ein guter Titel. Noch läuft es gut – aber nicht überall in der Welt. China, Brasilien und Russland haben Probleme. Und es besteht die Sorge, dass sich auch in den USA die Konjunktur eintrüben könnte.

In drei der vier BRIC-Staaten schwächelt also die Wirtschaft. Was bedeutet das für die Exportnation Deutschland?

Zunächst nichts Gutes. Aber in China schrumpft die Wirtschaft nicht, sondern stockt. In Brasilien und Russland könnte der Tiefpunkt bereits erreicht sein, und es wieder aufwärts gehen.

Was verbinden Sie mit der Region Südwestfalen?

Dort lässt sich der Beginn der Industrialisierung in Deutschland verorten mit der Metallgewinnung und -verarbeitung. Es gibt nach wie vor eine besondere Innovationskraft und viele Spitzenunternehmen.

Sie sind für Ihre Standpunkte (Euro-Skeptiker, Mindestlohn-Gegner, Energiewende-Zweifler) immer auch kritisiert worden. Was halten Sie Ihren Kritikern entgegen?

… dass sie die Realität verkennen; es gibt zu viele Träumer. Als Wirtschaftswissenschaftler muss ich auch nicht-mehrheitsfähige Meinungen vertreten.

Sie hören im März als Präsident des Ifo-Instituts auf – aber sie gehen doch sicher nicht in den Ruhestand?

Ich habe allerlei Einladungen zu Vorträgen. Und es gibt Buchprojekte. Dafür habe ich dann mehr Zeit, weil ich nicht mehr so stark im Tagesgeschäft eingebunden bin.

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