„Das Leben des Sinn“

Der Ex-ifo-Chef zieht Bilanz.
Hans-Werner Sinn

tz, 24./25. Februar 2018, S. 19.

Hans-Werner Sinn ist einer der führenden Ökonomen Deutschlands und Europas. Der gebürtige Westfale wirkte als Professor an der Münchner LMU und vor allem als Präsident des Münchner ifo-Institutes für Wirtschaftsforschung (1999 – 2016) und hat die Diskussion um den Euro in einer Vielzahl von Beiträgen mitgeprägt. Kurz vor seinem 70. Geburtstag veröffentlichte Sinnn uns eine Autobiografie Auf der Suche nach der Wahrheit. tz-Politikchef Klaus Rimpel unterhielt sich mit dem streitbaren Volkswirtschaftler über seinen Lebensweg, der ihn in viele Länder der Erde geführt hat, und die Gründe für seine kritischen Einwürfe, die mit seinem Abschied aus der ifo-Chefetage nicht endeten.

Ihre Autobiografie ist auch eine Liebeserklärung an Ihre Frau– sind diese emotionalen Passagen auch ein wenig Wiedergutmachung dafür, dass die Wirtschaftswissenschaft als Nebenbuhlerin so viel gemeinsame Zeit gestohlen hat?

Ich bin meiner Frau, mit der ich jetzt 50 Jahre lang zusammen bin, in vielerlei Weise dankbar. Wir haben uns im ersten Semester unseres gemeinsamen Ökonomiestudiums kennengelernt. Aber sie hat bei ihrer Karriere für mich und die Familie zurückgesteckt. Denn eine Habilitation konnte definitiv nur einer von uns schaffen – mit 100 Prozent der Zeit. Zweitens war sie mir stets intellektueller Partner in meinemLeben.Sie ist Teil meines Ich geworden.

Sie beschreiben Ihre vielen Reisen, durch arabische Länder, durch Europa: Vor diesem Hintergrund – sitzen wir nicht alle in einem Boot, haben wir nicht alle die Verpflichtung, z. B. den Griechen aus ihrem Schlamassel zu helfen?

Natürlich sind alle gewissermaßen in einem Boot – das Boot heißt EU und Euro. Wir müssen einander helfen. Die Frage ist nur:Wie? Durch Geld? Das würde ich strikt bestreiten! Mit Geldtransfers hilft man einer Volkswirtschaft nicht, sondern manzerstört sie. Denn Geld ohne Leistung schafft Lohnstrukturen, die die wettbewerbliche Wirtschaft kaputt macht.

Wie beurteilen Sie die Entwicklung in Griechenland und Spanien: Es hat ja den Anschein, dass die Sparanstrengungen dort fruchten,oder?

Sparanstrengungen? Da kann ich nur lachen. Dauernd wurden die Schuldenschranken immer wieder verletzt, und das hat ein gewisses Strohfeuer erzeugt. Das Problem dieser Staaten war, dass sie durch die Zinssenkung, die der Euro ihnen beschert hatte, in eine Blase kamen. Sie konnten ihren Lebensstandard schon vor der Finanzkrise auf Pump erhöhen, zerstörten so aber ihre Wettbewerbsfähigkeit.Als sie dann keine Kredite mehr bekamen, mussten diese Euro-Kristenstaaten reagieren und sind um zehn Prozent billiger geworden. Aber zehn Prozent reichen nicht! Es müsste ein Drittel sein. Sie sind auf dem richtigen Weg – aber der Weg ist noch sehr lang. Ich war und bin der Meinung, dassGriechenland sich mit der Entscheidung, nicht aus dem Euro auszutreten, einen Tort angetan hat.

Können Sie für uns ökonomische Laien erklären, wo die Gefahren der Target-Salden lauern– ein Euro-Risiko, das unbekannt war, bis Sie es entdeckten...

Viele denken ja, der Euro wird in Frankfurt gedruckt und dann verteilt. Falsch! Wir haben nationale Notenbanken, die Europäische Zentralbank in Frankfurt ist nur die Kommandozentrale. Die nationalen Notenbanken dürfen innerhalb eines großzügigen Rahmens Geld drucken, das in anderen Ländern des Euro-Raums als Zahlungsmittel gilt.Das ist natürlich sehr verlockend: Die südeuropäischen Staaten haben sich, etwas vereinfacht ausgedrückt, in der Krise das Geld gedruckt, das sie sich nicht mehr leihen konnten. Eigentlich würde man ja denken: Kleines Land, kleine Druckerpresse, großes Land, große. Weit gefehlt. Wenn ein Land mehr Geld druckt, als es seiner anteiligen Größe entspricht, kann es sich Überweisungen in andere Länder leisten, ohne finanziell auszutrocknen, und so mit anderswo auf Shopping-Tour zu gehen: das sind dieTarget-Salden.

Und wo sind da die Risiken für uns Steuerzahler?

Die Bundesbank muss für die Überweisungsaufträge selbst Geld machen und den Adressaten der Überweisungen geben: den Verkäufern von Gütern, den Banken und Versicherungen, die eine TilgungvonSchulden verlangten sowie den Eigentümern von Firmen und Immobilien, die ihr Eigentum an ausländische Käufer abtraten. Indem sie die Gelder vorstreckte, erhielt die Bundesbank Target-Ausgleichsforderungen gegen die anderen Notenbanken. Aber diese Forderungen sind vollkommen wertlos, weil die Bundesbanksie nie fällig stellen kann und dafür nur einen Zins erhält, den die Mehrheit der Target-Schuldner selbst festlegt. Derzeit ist dieser Zins Null.DerVerlust der Bundesbank ist der Verlust der Steuerzahler, denn die müssen die Finanzierungslücke beim deutschen Staat schließen, die durch entfallende Zinsen oder entfallende Rückzahlung aufläuft. DieTarget-Forderungen summierten sich Stand 2017 auf 907 Milliarden Euro. Das ist die Hälfte aller Exportüberschüsse, die in der Vergangenheit zu einem Aufbau von Auslandsvermögen deutscher Bürger und öffentlicher Instanzen führte.

Sie schreiben in Ihrem Buch, dass es eng wird mit der Rente, wenn die Baby-Boomer geballt in den Ruhestand gehen werden. Ich gehöre zu dieser Generation der heute um die 50-Jährigen. Können Sie mich ein wenig beruhigen?

Leider kann ich das nicht! Wir haben ein ungelöstes demografisches Problem, weil die Leute eine Rente von Kindern bekommen wollen,die sie nicht haben. Viele denken, wir haben ein kapitalgedecktes Rentensystem – doch unser System des Generationenvertrags lebt von der Hand in den Mund. Der Renten-Kapitalstock reicht nur für ein paarTage. Es wird also in zehn Jahren und verschärft in den 30er-Jahren eng werden. Dann wird es ein Hauen und Stechen zwischen den Generationen geben. Wenn Sie dann noch das Target-Thema obendrauf legen und die Erosion der Lebensversicherungen und Sparpläne durch die Nullzins-Politik, können Sie sich ausmalen, was in den nächsten Jahrzehnten auf Deutschland zukommt.

Dieses demografische Renten-Problem wird doch schon seit den80er-Jahren diskutiert. Warum ist trotzdem so wenig passiert,um gegenzusteuern?

Weil die Politik strukturell nicht imStande ist, langfristige Probleme anzugehen. Die Politik reagiert nur, wenn dieBevölkerung Druck macht. Aber die Leute machen erst Druck, wenn sie konkret etwas spüren. Mit dem Flüchtling in der Nachbarschaft müssen sich dieLeute auseinandersetzen – irgendwelche abstrakten, in einem Kontensystem verborgenen Enteignungen erkennen die Menschen erst, wenn es zu spät ist.

Wie kann sich der Einzelne aus dieser Misere befreien?

Persönlich kann man da nichts machen. Das einzige ist, politisch aktiv zu werden und im öffentlichen Diskurs auf die Parteien einzuwirken. Man kann das alles ändern – aber nur kollektiv, nicht individuell.

Das Interview führte Klaus Rimpel.