„Schöne neue Welten“

Markus Brauck, Der Spiegel, 5. Mai 2018

200 Jahre nach der Geburt von Karl Marx ist die Kritik am Kapitalismus allgegenwärtig. Die Ungleichheit innerhalb der Länder nimmt zu, die Umwelt wird weiter zerstört. Zugleich befeuert die Digitalisierung Ängste vor dem sozialen Niedergang. Gibt es Alternativen?

Was eigentlich soll das sein: der Kapitalismus? Ständig taucht das Wort in den Debatten auf, in den Talkshows. Die Diskussionen darüber füllen Bibliotheken. Und doch scheint das Wort ständig etwas anderes zu bedeuten.

Von Karl Marx bis zu G 20, vom TTIP-Protest bis zum Grundsatzprogramm der SPD, jeder benutzt es, jeder führt es im Munde – und dabei wird es uneindeutig und verwaschen, es franst aus. Eigentlich erklärt es nichts mehr.

Und doch, merkwürdigerweise, bleibt das Wort gefühls- und ressentimentbeladen wie kaum ein anderes.

Schon bei der Frage, wann der Kapitalismus als historische Epoche begonnen hat, wird es schwammig. Mit der Erfindung des Geldes, des Marktes oder des Bankwesens? Und ist jede Wirtschaftsform, die am Privateigentum festhält, schon Kapitalismus?

Das unbestreitbar Neue am modernen Kapitalismus, wie er seit knapp zwei Jahrhunderten die westliche Wirtschaft formt, ist seine Dynamik. Sie entsteht, weil Unternehmen ihr verdientes Geld nicht anhäufen, sondern gleich wieder investieren, vorzugsweise in neue Technik, die dazu führt, dass noch mehr und noch billiger produziert und noch mehr Geld verdient wird. Und immer so weiter.

Auf diese Weise wuchs das Vermögen, wuchs die Masse der Konsumgüter, wuchs die Wirtschaft in einem bis dahin nie gekannten Maße. Allerdings kam es auch zu einer völlig neuen Ballung ökonomischer Macht.

Heute benutzen das Wort „Kapitalismus“ fast nur seine Kritiker. Vor allem bündelt der Begriff das Unbehagen am aktuellen Wirtschaftssystem. An der Tendenz, allem einen Preis zu geben. An der Tendenz, für den wirtschaftlichen Vorteil jede Moral fahren zu lassen. An der Tendenz, das Anhäufen von Geld zum Selbstzweck zu erheben. An der Tendenz zur Ungleichheit. An der Tendenz, Menschen und Umwelt auszubeuten.

Die Digitalisierung scheint diese Entwicklungen zu potenzieren. Sie schafft noch schneller unglaubliche Vermögen, drängt den Einzelnen noch gezielter zum Konsum, verbraucht noch mehr Energie. Sie macht den Einzelnen, der seine Arbeitskraft anbietet, noch leichter ersetzbar durch andere Menschen irgendwo auf der Erde – oder durch Roboter und Algorithmen. Und sie macht alles und jeden noch stärker berechenbar, manipulierbar, ausnutzbar.

Dieses Unbehagen ist Grund genug, 200 Jahre nach Karl Marx' Geburt noch einmal die Fragen zu stellen: Was könnte nach dem Kapitalismus kommen? Ist er reformierbar? Gibt es etwas Besseres? Fragen an die Globalisierungskritikerin Kathrin Hartmann, den Ökonomen Hans-Werner Sinn, den Philosophen Richard David Precht, die Netzaktivistin Anke Domscheit-Berg und den Soziologen Harald Welzer.

Was ist eigentlich so schlimm am Kapitalismus? Oder: Kathrin Hartmann regt sich auf.

Es gibt zwei Möglichkeiten, wie man aus einem Gespräch mit Kathrin Hartmann herausgehen kann: wahnsinnig schlecht gelaunt oder wahnsinnig gut.

Wahnsinnig schlecht: weil die Globalisierungskritikerin in 15 Minuten erklärt, warum ein bisschen Biowurst, etwas Fair-Trade-Kaffee und viel guter Wille nichts bringen auf dem Weg in eine bessere Welt. Und dass alles, was der normal bewegte Konsument so macht, bloß der Verfestigung des Status quo dient.

Wahnsinnig gut: weil sie den Konzernen mit Wut und Wonne den Kampf ansagt – und sie in ihrer Konsequenz nicht verzweifelt wirkt, sondern fröhlich. Und weil sie zumindest eine Ahnung davon hat, wie sie aussehen könnte, eine bessere Welt.

Kapitalismuskritik, unter uns, kann ja sehr nervtötend daherkommen. Rechthaberisch. Und auf eine Weise ins eigene Scheitern und die Ausweglosigkeit verliebt, dass man doch lieber Kapitalist bleibt. Vor allem: Das ewige Genöle mündet selten in Lösungen.

Was soll man denn tun? Es gibt ja bisher nichts Besseres, oder? Außer vielleicht: anders einkaufen.

Öde.

Hartmann zertrümmert erst einmal die Idee, der Kapitalismus könne sich von innen heraus so verändern, dass er menschlich und demokratisch wird, also: gut. „Man kann ja auch die Waffenindustrie nicht von innen so verändern, dass sie keinen Schaden anrichtet.“ Der Kapitalismus, sagt sie, lasse sich nicht austricksen. Es müsse schon etwas Neues her.

Ihr Lieblingsthema ist das, was sie „die grüne Lüge“ nennt. Das Greenwashing der Konzerne. Der Selbstbetrug ökologisch bewegter Konsumenten, die glauben, im wohligen Wohlstand ließe es sich genauso weiterleben wie bisher, nur eben grün und fair und sauber.

Das Problem sei nur, dass drum herum Ausbeutung und Sklaverei und Armut und Umweltzerstörung weitergingen wie gehabt, meint Hartmann. „Der Kapitalismus ist in seinem Kern immer noch der Kampf aller gegen alle, er beruht in seinem Grundsatz auf Ausbeutung – darüber kann auch noch so viel nachträgliche Umverteilung nicht hinwegtäuschen.“

Sie hat mittlerweile mehrere Bücher und Filme zum Thema veröffentlicht. Sie tourt durch die Republik, diskutiert, demonstriert. Und lässt sich nicht auf Kompromisse ein. „Der Kapitalismus“, sagt sie, „hält sein Versprechen nicht, dass die Reichen alle mit nach oben ziehen.“

Natürlich hat sie die aktuellen Statistiken parat. Die Oxfam-Studie, nach der acht Superreiche genauso viel Vermögen haben wie die unteren 50 Prozent der Weltbevölkerung. Oder die vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung errechneten Daten für Deutschland, wonach 45 Haushalte so viel besitzen wie die ärmste Hälfte der Bevölkerung.

Das sind nicht nur Zahlen. „Es geht um Spaltung“, sagt Hartmann. „Man hat sich schon fast daran gewöhnt: hier der Leistungsträger, dort der Sozialschmarotzer.“ Und das ist es auch, was sie dem gegenwärtigen wirtschaftlichen System am vehementesten vorwirft: „Es bringt Menschen gegeneinander auf.“

Sie kann an einem Beispiel erklären, wie sie das meint. Sie wohnt im 4. Stock, und wenn sie mal was bestellt, dann klingelt der DHL-Bote garantiert nicht bei ihr, sondern wirft bloß eine Benachrichtigung in den Briefkasten. Und sie muss dann zur Post und hat das Theater. Und natürlich nervt sie das.

„Aber ich finde es unerträglich, dass ich mich über den DHL-Boten aufregen muss“, sagt sie. „Ich bin sauer auf ihn, und eigentlich müsste ich sauer auf die DHL sein, weil die ihn ja so mies bezahlt, dass er die Pakete nicht hier raufschleppen mag und auch nicht kann.“

Jeder auf der Suche nach seinem Vorteil. Jeder für sich. Das, sagt Hartmann, sei das eigentliche Problem: die Vereinzelung des Menschen in seiner Funktion als Marktteilnehmer. Ihre Gegenutopie ist die Gemeinschaft. Oder, in einem alten Wort: „Solidarität“.

„Man muss das Solidarische erleben, um zu wissen, was es heißt“, sagt sie. „Sonst versteht man nicht, welche Kraft darin steckt. Was Solidarität einem gibt, kann einem Geld niemals geben.“

In Griechenland war sie, wo sie Menschen getroffen hat, die solidarische Apotheken gründeten, solidarische Kliniken. In Bangladesch war sie, wo Kleinbauern sich zusammentun. In Indonesien, wo sich ganze Dörfer zusammenfinden, um gegen die Palmölindustrie und deren Monokulturen anzukämpfen.

Sie träumt nicht von Katastrophe und Umsturz und Revolution. Aber schon vom Systemwechsel, der vielleicht in der Nische beginnt. In der Allmende-Wirtschaft beispielsweise, in der die Nutzung gemeinsamer Ressourcen gemeinsam geregelt wird. Oder überall da, wo genossenschaftliche Ideen umgesetzt werden – in Wohnbau-, Energie-, Bank-, Pflegeprojekten.

Was kommt, da ist sie sich sicher, werde etwas wirklich Neues sein und nicht bloß ein neuer Anstrich. Und es werde einen langen politischen Kampf erfordern. „Die Zukunft“, sagt sie, „kann man nicht herbeischmusen. Es kommt der Punkt, an dem die Menschen, die ausgebeutet werden, anfangen, sich zu wehren.“

Lässt sich der Kapitalismus reformieren? Oder: Auch Hans-Werner Sinn war mal links.

Der Kapitalismus, so viel steht fest, ist Kummer gewohnt. Nicht nur Karl Marx hat ihn totargumentiert. Viele, viele Menschen, darunter sehr, sehr kluge, haben ihn zerlegt und zerhackt, seziert und entlarvt, ihm den Kampf angesagt und ihn zu zähmen versucht, ihn kritisiert und verflucht – und ihn vor allem weggewünscht.

Aber der Kapitalismus ist immer geblieben.

Es gibt ihn angelsächsisch und rheinisch und neoliberal und radikal, als Turbo- und Kasinovariante, als Staats-, Finanz- oder grünen Kapitalismus, in insgesamt angeblich mehr als 750 verschiedenen Arten. Ein wandlungsfähiger Bursche mit beeindruckender Überlebenstechnik.

Der Ökonom Joseph Schumpeter sprach vom „evolutionären Charakter“ des Kapitalismus. Er sei kein Zustand, sondern „eine Methode der ökonomischen Veränderung“.

Und doch, auch das ist wahr, ist er eine historische Erscheinung. Etwas, das in seiner modernen Form vor 200 Jahren in der Welt aufgetaucht ist, etwas, das es so vorher nicht gab und deshalb auch wieder verschwinden kann. Der Kapitalismus ist nicht die Schwerkraft, ist kein Naturgesetz, auch wenn er sich manchmal so gibt. Die Frage ist: Was könnte nach ihm kommen? Man braucht ja schließlich Ideen, wenn man voranschreiten will, wenn etwas besser werden soll. Und darin zumindest besteht Einigkeit, dass es durchaus besser werden könnte.

Über 800 Millionen Menschen hungern. Zwei Milliarden Menschen leben kaufkraftbereinigt von weniger als 3,20 Dollar am Tag. Die Meere sind überfischt und vermüllt. Die Luft ist verdreckt. Die industriebedingte Erderwärmung sorgt für Dürren, Überflutungen, extreme Wetterlagen. Der Reichtum der Superreichen steigt in geradezu obszöner Weise. Und die Digitalisierung scheint diese Entwicklung noch zu befördern.

An vielen dieser Phänomene hat das augenblickliche Wirtschaftssystem, also das, was etwas diffus als „der“ Kapitalismus bezeichnet wird, zumindest eine Mitschuld. Zweifellos hat „der“ Kapitalismus auch Gutes gebracht – mehr Wohlstand, auch global, etwa die Halbierung der Zahl der von Armut bedrohten Menschen weltweit in den letzten 25 Jahren – aber alles das scheint manchmal überschattet zu sein von dem, was er zerstört.

Womöglich gibt es ja Alternativen. Vielleicht braucht es endlich Alternativen. Jenseits von Sozialismus und Kommunismus und anderen Ismen. Womöglich muss ein neuer Kapitalismus her, vielleicht auch etwas gänzlich Neues. Aber was?

Noch ist nicht einmal in Umrissen erkennbar, was da kommen könnte. Selbst im Marx-Jahr 2018 wird bislang vor allem die Dekonstruktion des Kapitalismus rauf und runter analysiert, wird vage seine „Aktualität“ beschworen, aber darüber, dass der Kapitalismus tatsächlich in die Krise geraten sein könnte, kommt die Debatte meist nicht hinaus.

Und die Frage ist ja auch: Wann genau hört der Kapitalismus auf, Kapitalismus zu sein? Gibt es diese Grenze überhaupt? Ist sie hilfreich?

Wahr ist, dass es Kapitalismus in Reinform nirgends gibt – und es ihn wahrscheinlich nie gegeben hat. Spätestens seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs ist er Teil eines größeren Deals geworden, der da lautet: Der Kapitalismus muss „liefern“, wie es der Soziologe Wolfgang Streeck genannt hat. Und zwar: Vollbeschäftigung, soziale Sicherheit, wachsenden Wohlstand, mehr Freizeit, Aufstiegschancen für jeden. Auf den Punkt gebracht: Nicht alle profitieren gleich, aber alle profitieren irgendwie.

Hans-Werner Sinn ist vielleicht der Letzte, den man fragen sollte, ob man den Kapitalismus nicht besser abschaffen sollte, könnte man meinen. Er ist der bekannteste Ökonom der Deutschen, auch heute noch, zwei Jahre nach seiner Pensionierung – und er ist den meisten Menschen vor allem als eher kühler Talkshow-Gast im Gedächtnis, der dem Volk versucht zu erklären, warum so grausam klingende Dinge wie die Hartz-IV-Reformen unbedingt sein müssen. Sinn wurde nicht nur wegen seines markanten Abraham-Lincoln-Barts zur Marke, sondern auch wegen der strengen Art, seine eigenen Argumente zu präsentieren und die der Gegenseite zu zerlegen.

Aber auch Sinn war mal jung. Auch Sinn war mal links, als Student, als fast alle links waren. Er hat sich erregt über Ungerechtigkeiten und über den Kapitalismus. In seiner Autobiografie, die vor Kurzem erschienen ist, beschreibt er, wie er demonstriert und wohl auch „Ho, Ho, Ho Chi Minh“ gebrüllt hat(*). Ganz genau kann er sich daran nicht mehr erinnern. Doch wenn man diese Schilderungen liest und wenn man mit ihm spricht, spürt man: Er ist ein strenger Denker, dieser Sinn, aber kalt ist er nicht.

Als er für ein paar Wochen in London arbeitet, gerade zur Zeit der Reformen einer Margaret Thatcher, nimmt er das Elend um ihn herum wahr, es empört ihn.

Er selbst kennt Armut ebenfalls. Als Kind habe er die Eltern immer nur arbeitend erlebt, erst, um der Armut zu entkommen, später, um einen bescheidenen Wohlstand abzusichern.

Auch wenn Sinn – wenig überraschend – „die Suche nach einem völlig anderen System“ für, Pardon, „Kokolores“ hält, so folgt daraus nicht, dass er „den Status quo verteidigen möchte“, wie er sagt.

Er sieht, dass „der Finanzmarktkapitalismus völlig außer Kontrolle geraten ist“. Er hält es „für pures Wunschdenken, dass eine Marktwirtschaft automatisch zur Demokratie führt“. Und, ja, auch ein Hans-Werner Sinn zweifelt daran, „dass Wirtschaftswachstum die Menschen wirklich glücklicher macht“. Vielleicht, sagt er, „sind die Menschen in einer konsumorientierten kapitalistischen Welt mit hohem Einkommen gar nicht mal glücklicher als früher, weil man sich da beschieden hat und glücklich war bei kleineren Einkommenspositionen“.

Aber – und dieses Aber ist riesengroß, natürlich – das alles ändert nichts an seiner Überzeugung, dass „die Erfindung der Märkte vor 10 000 Jahren die größte kulturelle Erfindung der Menschheit ist“. Ohne Markt sei Kultur kaum zu denken. Keine funktionierende Ökonomie und auch keine Philosophie.

Erst im Studium sagte sich Sinn von linken Ideen los, weil er irgendwann verstanden habe, dass der Staat dem Markt nicht überlegen sei, dass Marktwirtschaft nicht Chaos bedeute, sondern dass „aus der Dezentralisierung die Ordnung entsteht“, eine, wie er sagt, „nicht triviale Erkenntnis“.

Nur Märkte, das ist sein schärfstes Argument, können Anreize setzen, die individuell wirken und für jeden Marktteilnehmer die Vor- und Nachteile so ausbalancieren, dass am Ende insgesamt das ökonomisch Beste herauskommt. Doch Kapitalismus ist mehr als nur Markt. Erst die unglaubliche Anhäufung von investiertem Kapital, die es seit 200 Jahren gibt, schaffte etwas historisch Neues: ein Wirtschaftswachstum, wie es das nie zuvor gegeben hat, und eine völlig neue Konzentration von Vermögen und ökonomischer Macht.

„Das eine bedingt wahrscheinlich das andere“, sagt Sinn. „Hätte man durch staatliche Eingriffe verhindert, dass die Reichen reich werden dürfen, hätte es wohl auch dieses Wachstum nicht gegeben.“ Er sagt das wissenschaftlich neutral, beobachtend, ohne jede Wertung.

Sein Menschenbild ist keines, das für die Spezies besonders schmeichelhaft ist. Aber er hält es für realistisch. „Unser ganzes Denken ist an Rangpositionen orientiert. Es geht immer um die Frage, an welcher Stelle der Skala man steht, das ist ein ungeheurer Antrieb.“

Allein diese Triebkräfte des Kapitalismus zu betrachten sei jedoch allenfalls das halbe Bild, meint Sinn. Reine Marktwirtschaft gebe es nirgends, sondern überall nur „gemischte Systeme“, in unterschiedlicher Ausprägung. „Es findet ja Umverteilung statt in allen Systemen, die Frage ist bloß, in welchem Ausmaß.“ In Deutschland liegt das Verhältnis der Staatsausgaben zur Wirtschaftsleistung, die sogenannte Staatsquote, bei 44 Prozent, in Frankreich bei 57 Prozent, in den USA bei 38 Prozent.

Für Sinn ist diese Umverteilung grundsätzlich gerechtfertigt. Allerdings verringere sie die Leistungsanreize. „Es muss irgendwo ein Optimum geben. Unklar ist nur, wo.“

Sinn sieht allerdings eine Stelle, an der man den heutigen Kapitalismus durchaus radikaler verändern könnte. Und zwar so, dass man den mühseligen und immer umstrittenen Prozess der Umverteilung abkürzen könnte: durch eine Beteiligung der Arbeitnehmer an den Unternehmen „in großem Stil“. Es wäre ein Schritt, der den uralten Gegensatz zwischen Arbeit und Kapital, den Karl Marx formuliert hat, zumindest einebnen würde.

„Man muss den Menschen ein zweites Standbein neben dem Arbeitseinkommen geben“, sagt Sinn. „Man muss sie auf die Kapitalseite bringen. Gerade jetzt. Durch Aktienbesitz in breiter Hand, Vermögensbildung, auch Immobilien.“

Wenn es stimme, dass die Kapitalseite zu den Gewinnern der Digitalisierung gehöre, und einiges spreche dafür, dann wäre es wichtig, rechtzeitig dafür zu sorgen, dass dies geschehe. „Dann muss man hinterher auch nicht mühsam umverteilen. Es ist besser, die Menschen pflanzen frühzeitig das Saatkapital, das sich dann weiterentwickelt.“

Was geschieht, wenn dem Kapitalismus die Arbeit ausgeht? Oder: Richard David Precht träumt von einer Insel des Sozialismus.

Das Erstaunliche an der derzeitigen Lage ist: Selbst in einer ungewöhnlich langen wirtschaftlichen Wachstumsphase, wie sie Deutschland gerade erlebt und von der viele profitieren, ist der Unmut so groß, dass ihn etwa die neue Große Koalition mit milliardenschweren Wohltaten zuschütten muss. Und noch so viele Wohltaten sorgen nicht dafür, dass die Kritik am Kapitalismus abebbt.

Der Ausgleich zwischen Oben und Unten scheint nicht mehr zu funktionieren, jedenfalls nicht gut genug, um Aufruhr im System zu vermeiden. Das ist zum Beispiel auch ein Problem für eine Partei wie die SPD, die für Umverteilung steht.

Vielleicht gelingt es noch ein paarmal, das System zu reparieren, zu stabilisieren, wenn eine jeweils neue Regierung an ein paar Schräubchen dreht – und alles wieder zu neuer Balance findet. Aber reicht das bloße Funktionieren?

Gehen die Zweifel an der Legitimität des Kapitalismus nicht längst viel weiter, bis hin zur Frage, was das dauernde Schielen nach dem eigenen Vorteil, das ständige Aufrufen eines Preises für alles Mögliche mit dem Menschen macht? Der Kapitalismus steht ja nicht bloß technisch-ökonomisch infrage, sondern vor allem philosophisch.

In ihrem gerade auf Deutsch erschienenen Bestseller „Die Donut-Ökonomie“ berichtet die Wirtschaftswissenschaftlerin Kate Raworth von einem Projekt in Kolumbien, bei dem im Jahr 2005 zufällig ausgewählte arme Familien eine Prämie von umgerechnet 15 Dollar im Monat bekamen, wenn eines ihrer Kinder regelmäßig am Unterricht teilnahm. Auf den ersten Blick war der Anreiz ein Erfolg. Die Wahrscheinlichkeit für den Schulbesuch stieg bei diesen Kindern.

Doch es gab einen Nebeneffekt: Bei den Geschwistern der geförderten Kinder sank die Bereitschaft zum Schulbesuch, da sie keine Prämie bekamen – der negative Effekt war sogar stärker als der positive.

Kapitalismus ist eben auch eine Frage der Werte. Intrinsische Motive und solidarische Effekte verpuffen allzu oft, sobald Geld ins Spiel kommt.

Der Kapitalismus ist voll von solchen widersprüchlichen Effekten. Am stärksten aber sind diese zwei: erstens die Grundüberzeugung, dass das Streben des Einzelnen nach dem eigenen Vorteil am Ende zu einem besseren Leben für alle führt. Zweitens das Verhältnis von Arbeit und Konsum.

Am besten funktioniert der Kapitalismus, wenn bei der Arbeit äußerste Disziplin herrscht – und im Konsum äußerste Disziplinlosigkeit. Das war ja auch das Neue am Kapitalismus. Er führte zu einer Adelung der Arbeit, die es zuvor in der Geschichte nicht gegeben hatte, und zu einer Heiligsprechung des Konsums, die auch neu war.

Der Philosoph Richard David Precht ist alles andere als faul. Er schreibt zehn Bücher in zehn Jahren, redet auf Kongressen, talkt im Fernsehen, reist unablässig durch die Republik. Er ist einer der produktivsten Denker des Landes und könnte geradezu ein Symbol sein für die Versprechen der Arbeits- und Leistungsgesellschaft.

Und doch ist sich Precht sicher, dass ebendiese Arbeits- und Leistungsgesellschaft, wie sie sich in den letzten 200 Jahren entwickelt hat, irgendwann an ihr Ende kommt und nur eine Episode in der Geschichte der Menschheit bleiben wird. Er findet das alles andere als schlimm. „Ein freier Mann im antiken Griechenland hat sich dadurch definiert, dass er nicht gearbeitet hat, und er hat sich ja trotzdem nicht gelangweilt.“ Für den Wohlstand sorgten damals die Sklaven, Frauen und Ausländer. Diesen Part, meint Precht, würden in Zukunft mehr und mehr die Roboter und Computer übernehmen.

Precht macht das gern, die angeblich neuen Dinge als etwas zu beschreiben, was gar nicht so neu ist. Er zertrümmert gern die Gewissheiten des Status quo, etwa die Selbstgewissheit der Deutschen, dass ihr Fleiß sie noch aus jeder Krise gezogen hat, oder den wirtschaftspolitischen Konsens aller Parteien, dass es am Ende nur auf eines ankomme: Jobs, Jobs, Jobs.

„Ich sehe das als normale, fast lineare historische Entwicklung“, sagt Precht. Zu Beginn der industriellen Revolution hätten die Arbeiter oft noch 80 Stunden in der Woche geschuftet, heute liege die Arbeitszeit einer Vollzeitkraft bei 41 Stunden. Der nächste Schritt werde eben sein, dass „sehr viele Leute nicht mehr gezwungen sein werden, arbeiten zu müssen“. Precht weiß genau, dass er da einen Epochenbruch in niedliche Schrittchen verpackt.

Und natürlich weiß er, dass nichts brisanter ist, als am politischen Ziel der Vollbeschäftigung zu rütteln. Schließlich werden Digitalisierung und Robotisierung der Arbeitswelt und die damit einhergehende Vernichtung von mutmaßlich Millionen Arbeitsplätzen in der Politik derzeit eher nicht als Chance diskutiert, sondern als Katastrophe. Darum halten alle Parteien am Ziel der Vollbeschäftigung fest. Am „Mythos Vollbeschäftigung“, sagt Precht, an der „Illusion Vollbeschäftigung“.

Precht sieht die Entwicklung nüchtern. Wenn man alles so laufen lasse wie jetzt, dann führe der Vormarsch der Roboter zu Massenarbeitslosigkeit und Elend. Zu Millionen Arbeitslosen und vermutlich einem Erstarken radikaler Parteien. „Und dann haben wir eine andere Republik“, sagt er. Aber so weit müsse es nicht kommen, wenn man rechtzeitig einige politische Reformen durchsetze. Und die wichtigste dabei sei: das bedingungslose Grundeinkommen. Geld für alle.

Precht hat zu diesem Thema eine Streitschrift verfasst. „Jäger, Hirten, Kritiker“ heißt das Buch, das am vergangenen Montag erschienen ist (SPIEGEL 17/2018). Der Titel dieser „Utopie für die digitale Gesellschaft“ ist einem berühmten Marx-Zitat entlehnt, demzufolge es im Kommunismus jedem möglich sein soll zu tun, wozu er gerade Lust habe: zu jagen, Viehzucht zu treiben oder zu kritisieren. Er beschreibt darin, „dass der gewaltige Umbruch unserer Zeit nicht notwendig ins Elend führen muss, sondern dass er die Chance enthält auf eine lebenswerte Zukunft“.

Und das wichtigste Element dieses Zukunftsentwurfs ist eben das bedingungslose Grundeinkommen. Precht schwebt vor, dass jeder Bürger etwa 1500 Euro im Monat erhält. Ohne Ausnahme. Es gibt keine Bedürftigkeitsprüfung, und jeder kann dazuverdienen, ohne stärker besteuert zu werden als heute. Es soll keinen Extraabzug beim Einkommen geben. Bezahlen will Precht das Ganze über eine Finanztransaktionsteuer.

Die Idee wird schon länger diskutiert. Es gibt mehrere Modelle, von kleinen Grundeinkommen, die eher Hartz IV ähneln, bis hin zu so weitreichenden Konzepten wie dem von Precht (Hans-Werner Sinn ist übrigens gegen beide Varianten. Die kleinen Modelle hält er für nicht originell und die großzügigen Modelle für unbezahlbar, aber das nur nebenbei).

Die entscheidende Frage ist jedoch: Wie soll ein solches System entstehen? Aus purer Menschenfreundlichkeit?

Precht gibt eine andere Antwort. Eine ökonomische. Die Vernichtung der Arbeitsplätze durch Robotisierung und künstliche Intelligenz werde in den nächsten Jahren zu einer Krise der Kaufkraft führen. Der Konsum werde einbrechen, die Wirtschaft ins Schlingern geraten.

„Doch was hat ein Konzern davon, dass er seine Produkte mithilfe der Roboter immer besser und immer billiger herstellen kann, wenn nicht mehr genug Menschen das Geld haben, diese Produkte zu kaufen?“ Es müsse also auf anderem Wege Geld ins System gepumpt werden als über Erwerbsarbeit.

Doch die ökonomischen Verwerfungen seien noch der geringste Teil der Probleme, die kommen würden. Es werde eine massive Wertekrise geben. „Die Menschen definieren ihren Selbstwert heute extrem über ihre Erwerbsarbeit – aber wo steht der Selbstwert noch, wenn viele Menschen ökonomisch tatsächlich nicht mehr gebraucht werden?“

In dieser Konstellation sei das bedingungslose Grundeinkommen nicht nur die Lösung der ökonomischen Frage – indem es das dringend benötigte Geld ins System schießt –, sondern auch das Vehikel, über das ein Wertewandel möglich werde. „Wir schaffen eine Insel des Sozialismus im Kapitalismus“, sagt Precht.

Der Kapitalismus bleibe bestehen. Es lohne sich ja, weiter zu arbeiten. Aber es sei nicht mehr die einzige Option. „Wenn der existenzielle Druck wegfällt, dann ist plötzlich Platz da für andere Dinge, etwa für die Frage: Was kann ich denn Sinnvolles machen?“

Es gebe schon heute ein tiefes Unbehagen, wie man diese moralischen Fragen und die eigene Jagd nach ökonomischem Vorteil noch verbinden könne. Gerade die Jüngeren zweifelten an den alten Statussymbolen, an dem teuren Auto, an Karrieren im Eckbüro. „Viele spüren die Leerstelle“, sagt Precht, „paradoxerweise füllen sie die oft bloß mit mehr Konsum, um sich für fehlenden Sinn in der Arbeit zu entschädigen.“

Richard David Precht interessieren diese Mechanismen der Doppelbödigkeit. Er hat sich lange mit dem Kapitalismus und mit seinen philosophischen Wegbereitern beschäftigt, etwa mit John Locke, dem Verfechter des Privateigentums und der Menschenwürde, der zugleich in den Sklavenhandel investierte und den Indianern das Recht auf ihr Land absprach. „Die Kunst, moralisches Denken und kommerzielles Handeln so im Bewusstsein zu speichern, dass sie dort nicht zusammentreffen, kennzeichnet nicht nur unsere heutige Zeit, die Kakao genießt, dessen Bohnen von Kindern geerntet werden. Diese Kunst ist mindestens so alt wie die Anfänge des liberalen Kapitalismus selbst“, meint Precht. „Aber vielleicht kann man den Menschen in dieser Hinsicht ja ein wenig zivilisieren.“

Passen Digitalisierung und Sozialismus zusammen? Oder: Anke Domscheit-Berg will von China lernen.

Die erste Stellenanzeige, die das Onlineunternehmen Amazon schaltete, endete mit dem Satz: „Es ist einfacher, die Zukunft zu erfinden, als sie vorauszusehen.“

Es ist kein Zufall, dass Amazon diesen Satz des Informatikers Alan Kay zitierte und damit gleich die eigene Firmenphilosophie umriss. In den IT-Konzernen Amerikas wird über kaum etwas anderes nachgedacht als über die Zukunft, und nirgends sonst scheint man sich so sicher zu sein, Teil dieser Zukunft zu sein. Oder tut zumindest so.

Leider sieht es nicht so aus, als ob bei Amazon, Google, Facebook und Uber eine gezähmte Variante des Kapitalismus entstünde. Was dort als digitaler Kapitalismus oder Plattformkapitalismus gedacht wird, fördert tendenziell die Ungleichheit und schwächt die Staaten, macht den einzelnen Menschen entbehrlich oder zumindest in hohem Maße abhängig.

Die Digitalisierung, so zeigen Studien, beschleunigt vor allem in den USA die herrschende Ungleichheit noch. Mancher Forscher sagt, dass der Anstieg der ungleichen Verteilung der Einkommen nicht unwesentlich auf die enormen Einkommen der Elite des Silicon Valley zurückzuführen sei.

China ist der andere Teil der Welt, dem die Zukunft zu gehören scheint, vor allem und zuerst ökonomisch. Hier wird gerade das große Experiment durchgeführt, einen Kapitalismus durchzusetzen, der bloß ökonomische Freiheit kennt und keine politische. Wohlstand statt Wahlen. Auch dort entwickelt sich eher eine Verschärfung des Kapitalismus und keinesfalls seine Überwindung.

Lange dachte man, es sei nur eine Frage der Zeit, wann den ökonomischen Freiheiten in China auch politische Freiheit folgen würde. So, als ob es ein Naturgesetz wäre, dass der ökonomische Liberalismus und die Demokratie notwendigerweise zusammenfinden müssen. Doch das Gesetz gibt es nicht. Stattdessen setzt das Land die digitale Technik für einen neuen Totalitarismus der Überwachung ein.

Interessanterweise nutzen sowohl die USA als auch China die technischen Möglichkeiten der Digitalisierung genial bis brutal. Und Deutschland? Und Europa?

Es wäre ja schon viel, so scheint es, wenn die Europäer in dieser von anderen dominierten Zukunft überhaupt die demokratischen und sozialen Standards halten könnten.

Aber müsste da nicht mehr kommen? Wie könnte ein eigener, ein positiver Zukunftsentwurf aussehen? Gibt es noch die Vision einer Digitalisierung, die nicht totalitär ist, sondern egalitär?

Was Anke Domscheit-Berg als Zukunftsmodell vorschwebt, könnte man einen digitalen Sozialismus nennen. Aber das mag sie nicht. „Das Wort weckt die falschen Assoziationen, und es passt auch nicht.“ Sie hat ja nichts gegen Privateigentum, nicht einmal gegen Reichtum, wenn er nicht gerade obszön ist. Der Begriff allerdings, den sie vorschlägt, ist auch erklärungsbedürftig, und schlagkräftig ist er ebenfalls nicht: Commonismus.

Ihre Idee: Es gibt noch Markt und Preise und Unternehmertum. Aber es steht nicht mehr die Anhäufung von privatem Besitz im Mittelpunkt der Wirtschaft, sondern das Gemeinwohl. Klingt naiv, muss es aber nicht sein.

Domscheit-Berg leitet den Begriff ab von den Gemeinschaftsgütern („Commons“), wie es sie in der Landwirtschaft gab und gibt, und von den Commons-Lizenzen bei gemeinsam programmierter, frei zugänglicher Software. Ihr Vorbild ist überhaupt die Internetkultur des Teilens, etwa von Wissen. „Da wächst das Neue schon wie ein Pilz ins System hinein“, sagt sie, „und es nimmt heute bereits dem Kapitalismus etwas von seiner Macht und seiner Schärfe.“

Domscheit-Berg ist in erster Linie Internetaktivistin und Digitalisierungsdeuterin. Neuerdings ist sie auch Bundestagsabgeordnete, parteilos, gewählt über die Liste der Linkspartei. Davor war sie mal Mitglied bei den Grünen und bei den Piraten. Und davor hat sie für McKinsey gearbeitet, für Accenture und Microsoft. Sie hat in ihrem Leben schon ein paar Karrieren gemacht, und sie hat viele Veränderungen erlebt. Die wichtigste: den Untergang der DDR. Sie war 22 Jahre alt, als ihr Staat verschwand, ein Gesellschaftssystem obsolet wurde.

Domscheit-Berg kennt sich also mit Umbrüchen aus. Und vielleicht macht sie das auf so bemerkenswerte Weise cool in Bezug auf alles, was mit Zukunft zu tun hat. Sie hat ja erfahren, dass es nach dem Ende des Alten besser werden kann, wenn man sich auf das Neue einlässt.

Sie hat tausend Dinge gemacht, ausprobiert, verworfen. Aber zwei Konstanten gibt es in ihrer Biografie dann doch: Sie ist links, und sie schwärmt für die Möglichkeiten der digitalen Gesellschaft. Vor allem glaubt sie, dass beides „natürlich“ zusammengehöre, das politisch Linke und das Digitale.

Sie sieht in der Digitalisierung „die größte Chance überhaupt“, einen Gegenentwurf zum Kapitalismus hinzubekommen. In Bezug auf die Veränderung der Arbeitswelt teilt sie ungefähr, was Precht sagt, und sie zögert keine Sekunde, das, was an Vernichtung von Arbeitsplätzen und sozialer Umwälzung aufs Land zurollt, mit dem Ende der DDR zu vergleichen.

Der eigentliche Witz an der Digitalisierung sei aber: Sie könne – in immer mehr Bereichen – irgendwann den Preis so gut wie abschaffen. Und wo es fast keinen Preis mehr gebe, da komme der Kapitalismus an seine Grenzen. Mit allem, was kaum etwas koste, könne der Kapitalismus einfach nicht umgehen.

Aber was dem Einzelnen als Arbeitnehmer wie ein Albtraum erscheine – dass das, was er produziert, unfassbar billig wird –, sei gesellschaftlich ein Traum. An dem jeder partizipieren könne, wenn man es nur politisch klug anstelle.

Domscheit-Berg erzählt eine Geschichte, um das zu erklären. Eine wahre Geschichte von einem Schreiner in Südafrika, der sich mehrere Finger weggehobelt hatte. Der Schreiner nahm über das Internet Kontakt zu einem Spezialisten auf, mit dem zusammen er eine künstliche Hand baute. Die Geschichte sprach sich herum, überall auf der Welt meldeten sich Menschen, denen eine Hand fehlte. Die beiden luden die Baupläne ins Internet, frei verfügbar für jeden. Für einige Hundert Dollar kann sich nun jeder eine Hand anfertigen lassen.

„Das ist die Pointe der Digitalisierung“, sagt Domscheit-Berg. „Ein Mensch muss nur einmal ein Problem für die Menschheit lösen, die digitale Gesellschaft sorgt dafür, dass diese Lösung überall verfügbar ist, und mit 3-D-Druckern kann dann jeder solche Dinge selbst herstellen.“

Das Problem am Kapitalismus sei, dass in dessen Logik der Erfinder der künstlichen Hand ein Patent anmelden und der Hersteller 10 000 Dollar pro Exemplar verlangen müsste. Mit dem Effekt, dass sich Millionen Menschen, die keine 10 000 Dollar haben, keine Hand leisten könnten.

An dieser Stelle ist Domscheit-Berg sehr für einen starken Staat oder eine starke Weltgemeinschaft. Irgendjemand muss ja bestimmen, was dem Gemeinwohl dient. „Entweder müssen wir dann enteignen oder entschädigen. Wir sagen: Du bekommst 50 Millionen Dollar auf einmal, aber dafür gehört deine Innovation der Welt.“

Was nutze schließlich die Möglichkeit, eine transplantierfähige Niere künftig mit 3-D-Druck günstig und für jeden herstellen zu können, wenn das Organ patentgeschützt sei und 100 000 Dollar koste, fragt Domscheit-Berg. Warum mache sich die Gesellschaft eigentlich so klein und überlasse das Feld den menschenfreundlicheren unter den Milliardären, fragt sie. Konkret: „Wenn sich ein Bill Gates aufmachen kann, die Malaria auszurotten, warum kann das die Weltgemeinschaft nicht?“

Man müsse sich nur trauen, eine Vision für die Zukunft zu entwickeln und eine konkrete Strategie daraus abzuleiten und umzusetzen. „Das Silicon Valley macht vor, dass es geht. Die Chinesen machen es vor. Warum trauen wir uns nicht?“

Der Staatskapitalismus in China sei natürlich ein unerträgliches, totalitäres System, sagt Domscheit-Berg. Aber er zeige, wie weit die Möglichkeiten der Steuerung gingen. Seit Jahren arbeitet China am sogenannten Social Credit System, einer Art Scoring-Programm, das bereits ab 2020 die Bürger in allem, was sie tun, bewerten soll. Schon lange war der Regierung klar, wie die Allgegenwart des Internets eine totale Überwachung möglich machen würde. „Wenn die Chinesen so vorausschauend Politik machen können, dann heißt das, es ist möglich. Auch für andere Ziele, für demokratisch legitimierte, für die Umsetzung einer gemeinwohlorientierten, positiven Zukunftsvision. Man muss nicht alles den Märkten überlassen.“

Gibt es einen besseren Kapitalismus? Oder: Harald Welzer wünscht sich eine Politik der Sehnsucht.

Was also kommt nach dem Kapitalismus? Eine neue Epoche des Glücks, ein neuer Anlauf zu mehr Gerechtigkeit, Gleichheit, Brüderlichkeit?

Die Antwort hängt davon ab, wie man die ökonomische Entwicklung der nächsten Jahre einschätzt. Kaum zu bezweifeln ist, dass sich die Trends, die den modernen Kapitalismus seit 200 Jahren kennzeichnen, verstärken werden. Die Digitalisierung ist ein Erzeuger enormer Ungleichheit. Sie begünstigt Monopole. Sie kann sehr wenige Menschen in sehr kurzer Zeit sehr reich machen. Und sie kann innerhalb weniger Jahre komplette Branchen umwälzen, Millionen Arbeitsplätze vernichten, die Gewichte des Welthandels verschieben.

Ökonomisch sind das alles keine neuen Phänomene. Sie dürften sich allerdings in einem Tempo abspielen, das historisch neu ist. Und selbst wenn auf lange Sicht die Digitalisierung wieder mehr Arbeitsplätze schaffen würde, ist es unwahrscheinlich, dass diese neuen Jobs so schnell entstehen, wie die alten verschwinden.

Politisch interessant werden diese Umwälzungen, wenn die Zahl der Verlierer oder derer, die sich als künftige Verlierer sehen, nicht mehr bloß eine Minderheit bildet. Seit dem Brexit, Le Pen, der AfD und Donald Trump muss man kein Visionär sein, um zu ahnen, was dann anstünde.

Wahrscheinlich ist, dass es in den nächsten Jahren um Verteilung gehen wird. Um eine neue Verteilung von Arbeit, von Wohlstand, von Kapital. Von digitalen Renditen. Man spürt dies in den Wahlergebnissen überall in Europa voraus, zuletzt in Italien.

Ob diese Neuverteilung durch ein bedingungsloses Grundeinkommen geschehen wird, weiß niemand, sicher aber scheint, dass die Existenzsicherung neu organisiert und finanziert werden wird. Dass eine Gesellschaft, der die bezahlte Arbeit ausgehen sollte, neue Räume und neue Ideen für ein Leben – oder Lebensphasen – ohne viel bezahlte Arbeit bereithalten müsste.

Die entscheidende Frage ist nicht, ob das, was kommt, noch Kapitalismus heißt. Der Manchester-Kapitalismus vor 150 Jahren hat mit der heutigen sozialen Marktwirtschaft auch nicht mehr besonders viel gemein. Entscheidend ist, ob es gelingt, neben der Sphäre des Leistungsethos, der ökonomischen Beschleunigung und des Konsums eine zweite gesellschaftliche Sphäre zu begründen, in der andere Werte gelten. Eine Sphäre der Solidarität, wie Kathrin Hartmann sie beschreibt. Eine Sphäre von Unternehmen, in denen die Arbeitnehmer auch Eigentümer sind, wie sie Hans-Werner Sinn empfiehlt. Eine Sphäre der Innovation ohne Eigennutz, wie sie Anke Domscheit-Berg vorschwebt. Eine Sphäre des abgesicherten Postkarrierismus, wie Richard David Precht sie denkt. Es wäre eine Gesellschaft, die den Kapitalismus nicht abschafft, sondern ergänzt.

Das hieße, die Dynamik des Kapitalismus, die Dynamik des Marktes und der Digitalisierung zu erhalten und zu nutzen, aber nicht mehr zum Selbstzweck zu erheben. Sondern, um Raum zu schaffen für neue Formen des Zusammenlebens, -arbeitens, -wirtschaftens.

Man könnte auch sagen: für Utopien.

Der Soziologe Harald Welzer sieht genau in diesen fehlenden Bildern einer positiven Zukunft das größte Problem der Gegenwart. „Der Kapitalismus“, sagt er, „hat alle Alternativen zu ihm zum Verschwinden gebracht, vor allem jede Alternative zum Prinzip des Wachstums. Diese Alternativen müssen wir aber entdecken, wenn wir als Menschheit überleben wollen.“

Es brauche Gegengeschichten, sagt Welzer, die verheißungsvoll seien, die nicht bloß von dem handelten, worauf es zu verzichten gelte, sondern davon, was zu gewinnen sei. Das bedingungslose Grundeinkommen ist für ihn eine solche Gegengeschichte. Die autofreie Stadt. Eine Landwirtschaft ohne Tierquälerei.

Welzer stört, dass die Politik, dass die Parteien selbst kaum noch Zukunftsbilder hätten, die positiv sind. „Die gesamte Politik ist geprägt davon, den Status quo irgendwie zu reparieren. Es geht immer nur darum, Defekte zu beheben.“

Es sei kein Wunder, dass viele Menschen im Kommenden nur eine Zeit sehen könnten, in der sie etwas zu verlieren haben – und dementsprechend wählten. Das Beste, was die Parteien anzubieten hätten, sei bloß „eine möglichst lange Verlängerung der Gegenwart, aber keine Zukunft“.

Man könne das an der politischen Rhetorik der vergangenen Jahre gut ablesen. Es sei dort immer die Rede davon, dass man „die Sorgen der Menschen“ ernst nehmen müsse. So sorgenvoll sehe die Politik dann leider auch aus. „Was wäre“, sagt Welzer, „wenn sie endlich die Sehnsüchte der Menschen ernst nehmen würde?“

Und diese Sehnsüchte, meint er, gingen doch tiefer als nur bis zum nächsten Konsumwunsch.

Welzer beschreibt das heutige Verhältnis des einzelnen Menschen zur Ökonomie als „Unterwerfung“. Und der am wenigsten freie Mensch ist für Welzer ausgerechnet der Konsument. Er kaufe Dinge, die er nicht brauche, ja oft nicht einmal mehr benutze, und verkomme so zum Warenzwischenlager zwischen Supermarkt und Müllkippe.

Eigentlich müsste dem dümmsten Konsumenten dämmern, dass in diesem Immer-Mehr kein Glück liege. Dass er dieses Immer-Mehr nicht bloß mit Geld, sondern letztlich mit seiner Lebenszeit bezahle, meint Welzer.

Doch wie kommt man in eine positive Zukunft? Durch Revolution?

Entscheidend sei nicht die eine besonders geniale Idee, eine wetterfeste Theorie, meint Welzer. Bestimmt brauche man keinen neuen Marxismus. Entscheidend sei eine soziale Bewegung, die wachse und stärker werde und die sich einig sei in dem Grundgedanken, der bestehenden Ökonomie und Alltagskultur etwas Neues entgegenzustellen. Lauter schöne neue Gegenwelten. Mikropolitische Strategie nennt er das.

Und dann zitiert er doch Marx: „Man muss die versteinerten Verhältnisse dadurch zum Tanzen zwingen, dass man ihnen ihre eigene Melodie vorsingt.“