„Zahlen, bitte“

Christoph Gurk, Süddeutsche Zeitung, 22. Dezember 2017, S. 25

Hans-Werner Sinn hat die Energiewende durchgerechnet.

Wenn Themen ins Ideologische abrutschten, sagt Hans-Werner Sinn, fange er an zu rechnen. So zum Beispiel bei der Energiewende. Für den Emeritus der Volkswirtschaftlichen Fakultät der LMU und früheren Ifo-Chef steht zwar fest, dass der Klimawandel stattfindet und eine Gefahr ist. Wie man nun aber aus den fossilen Brennstoffen aussteigt, um den Klimawandel zu stoppen, darüber tobe längst ein Streit mit quasi-religiösem Charakter. „Das ist kein rationales Thema mehr, sondern ein emotionales“, sagte Sinn bei einem Vortrag im Rahmen der Münchner Seminare.

Und so begann Sinn schon vor ein paar Jahren zu rechnen. Abseits von Ideologien, sagt er, wollte er herausfinden, ob die Energiewende rein technisch überhaupt möglich ist. Er fing bei dem Grundproblem des grünen Stroms an: seiner Unberechenbarkeit. Der Wind wehe, wann er wolle, die Sonne halte es ähnlich und scheine ohnehin nur tagsüber. Die Frage sei also, wie man diese unstete Versorgung glätten könne. Eine Antwort darauf gibt es längst, die grüne Energie muss gespeichert werden und die vielversprechendste Form hierfür sind derzeit Pumpspeicherkraftwerke. Gibt es mehr Strom, als gebraucht wird, pumpt man mit ihm Wasser in Speicherseen. Lässt man das Wasser wieder ab, kann man dabei mit Turbinen und Generatoren wieder elektrischen Strom erzeugen. Etwa drei Dutzend solcher Anlagen gibt es derzeit in Deutschland. Wenn die Menschen vormittags und abends besonders viel Strom brauchen, helfen sie, den Bedarf zu decken. „Das eigentliche Problem sind aber nicht die tageszeitlichen Schwankungen, sondern die saisonale Volatilität“, sagt Sinn. Denn die Deutschen verbrauchen auch auf das Jahr gesehen unterschiedlich viel Energie. Um diese Schwankungen auszugleichen, reichten die vorhandenen Pumpspeicherkraftwerke aber nicht, hat Sinn ausgerechnet: Käme Deutschlands Strom zu 100 Prozent aus erneuerbaren Quellen, bräuchte es nicht nur drei Dutzend, sondern gleich ein paar tausend dieser Anlagen mehr. Ein utopisches Unterfangen, glaubt Sinn – provoziere doch jeder Neubau den Protest der Anwohner.

Auch bei anderen Speicheralternativen kommt er zu ernüchternden Ergebnissen: Akkus seien viel zu teuer und die Umwandlung von Energie in Wasserstoff oder Methan sei zu verlustreich. „Vielleicht ergeben sich durch die Forschung in Zukunft neue Wege, aber die Energiewende soll ja jetzt stattfinden“, sagt Sinn. Und spätestens hier kommt der Ökonom dann von der Technik zu Fragen der Wirtschaftlichkeit. Denn momentan werde die Energiewende durch Pufferung ermöglicht: Wehe nicht genügend Wind und scheine nicht genügend Sonne, müssten Gas- und Kohlekraftwerke einspringen. „Es gibt also eine Doppelstruktur und die kostet doppeltes Geld“. Der Strom in Deutschland sei darum im internationalen Vergleich sehr teuer und Firmen wanderten ins Ausland ab. Was also tun? „Man kann das Problem nur über einen weltweiten Emissionshandel lösen“, sagt er. Nicht Technik sei die Lösung, sondern Ökonomie.

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