„Widukind und Wurstebrei“

Dieser Text ist ein Abdruck aus der Autobiografie des Ökonomen Hans-Werner Sinn, die am Freitag erschienen ist. Lesen Sie hier den Auszug, in dem es um seine Kindheit geht, die er in Bielefeld-Brake verbracht hat.
Hans-Werner Sinn

Westfalen-Blatt Nr. 47, 24. Februar 2018.

Meine Mutter, Käte Sinn, geborene Maske, und mein Vater KarlHeinz Sinn waren sehr jung, als ich am 7. März 1948 in Brake bei Bielefeld in Westfalen geboren wurde. Für beide – darin vielen ihrer Generation ähnlich – waren die frühen Erfahrungen des Krieges und der Nachkriegszeit prägend und auch die Entbehrungen, die damit einhergingen. Mein Vater stammt aus Brake, das damals noch nicht zu Bielefeld gehörte. Man zog ihn als Halbwüchsigen im Alter von 17 Jahren von der Berufsschule in Bielefeld direkt zum Volkssturm ein, wo er als Flakhelfer eingesetzt wurde. Immerhin überlebte er den Krieg. Ohne Ausbildung und – zunächst auch ohne Perspektiven – schlug er sich danach als Lkw-Fahrer durch. Manchmal durfte ich auf seinen Reisen mitfahren, und wenn wieder eine Reise angekündigt wurde, fieberte ich schon darauf. Ich schlief und spielte in der Koje hinter dem Führerhaus. Ich habe warme Erinnerungen an diese Zeit, vielleicht, weil ich meinem Vater nah sein konnte, was später nur noch selten der Fall war.

Meine Mutter kam nicht aus Brake, sondern war eine Vertriebene aus Kolberg, jener Hafenstadt in Pommern, etwa auf der Mitte zwischen Stettin und Danzig, die heute den Namen Kolobrzeg trägt und nach der Annexion der deutschen Ostgebiete nun zu Polen gehört. Meine Geburt war, wie mir berichtet wurde, schwer, und es schien lange nicht sicher, ob meine Mutter sie überleben würde. Dass ich keine Geschwister bekam, lag vielleicht daran. Vielleicht aber konnten sich meine Eltern ein zweites Kind einfach nicht leisten. Ich weiß es nicht, wir haben nie darüber gesprochen. Kein Zweifel, meine Eltern waren lange arm. Doch auch meine Großeltern, die mich vor allem in den Jahren bis zu meinem Wechsel auf das Bielefelder Helmholtz-Gymnasium prägten, hatten nicht viel Geld. 

Wie meine Eltern lebten meine Großeltern ebenfalls in Brake, ein Ort, oder besser: eine Bauernschaft  mitten zwischen Bielefeld und Herford, in der auch das Haus meines Urgroßvaters stand. Meine Großeltern hatten eine schöne Wohnung in einem noch zur Kaiserzeit gebauten, soliden, zweistöckigen Haus mit einem Walmdach. Seit 1973 ist Brake ein Ortsteil von Bielefeld. In Brake boten mir meine Großmutter und mein Großvater ein liebevolles, geordnetes Zuhause, an das ich trotz der Nachkriegsarmut wunderbare Erinnerungen habe.

Vor allem meine Großmutter formte es – mit ihrer Fröhlichkeit, ihrer Kochkunst, ihren Liedern und Geschichten, auch mit ihrer zugewandten ausgleichenden Art und den vielen Freundinnen und Verwandten, die sie um sich versammelte. Noch immer sehe ich sie mit ihrer langen weißen, bis über die Schultern reichenden Schürze und den grauweißen Haaren vor mir stehen. Wenn meine Frau heute voller Zuneigung unsere Enkel umsorgt und auch ich mich an ihnen erfreue, muss ich stets an die Gnade denken, die mir selbst durch eine glückliche Kindheit widerfahren ist, maßgeblich geprägt durch meine Großeltern, aber auch durch den Fleiß meiner Eltern. 

Brake ist nur einen Steinwurf von Enger im Kreis Herford entfernt, wo Widukind oder »Wittekind«, wie wir sagten, begraben liegt, jener legendäre Sachsenführer also, der sich nach endlosen Kriegen Karl dem Großen ergab und zum christlichen Glauben überwechselte, um sein Volk nicht opfern zu müssen.

Hier, ganz in der Nähe von Brake, befand sich demnach das Nest eines hartnäckigen Widerstands gegen das Frankenreich, und hier, in meiner Heimat, ist Wittekind auch heute noch ein Held. Die Geschichten um ihn und seine Tapferkeit hörte ich von meiner Großmutter und in der Volksschule immer wieder.

Ich gebe zu: Den Geist dieses Widerstands der Sachsen, der womöglich früh den sprichwörtlichen westfälischen Dickkopf geformt hat, jenen Geist also, der sich nicht unterwerfen will, spüre auch ich manchmal in mir. Mag sein, dass ich ihn in wissenschaftlichen Debatten und in der Verteidigung meiner nicht selten für Politik und Öffentlichkeit herausfordernden Thesen – zu Europa, aber auch zu Deutschland – ordentlich ausleben will und kann.

Obwohl wir wenig besaßen und der Krieg gerade erst beendet war, kann ich mich an Hunger nicht erinnern. Dazu gab es zu viele Bauern in der Nähe. Und außerdem bewirtschafteten meine Großeltern ein Feld, auf dem sie die für den Winter benötigten Vorräte ernten konnten. 

Auf diese Weise gab es alles zu essen, was Herz und Magen begehrten: dicke Bohnen, Schnippelbohnen, Speisekartoffeln, Salatkartoffeln, Radieschen, Erbsen, Gurken, Kürbisse, Steckrüben, Mohrrüben, Kräuter, Rhabarber und jede Menge Weißkohl. Das Pflanzen, das Jauchen, das Ernten und das Einkochen, auch das Hobeln und Eintopfen des Weißkohls, sind mir lebhaft in Erinnerung, als sei dies gestern gewesen. Außerdem hatten wir Hühner und Kaninchen. Und auch auf Äpfel, Birnen, Pflaumen, Erdbeeren, Johannisbeeren und Stachelbeeren konnte ich mich stürzen. Ich gierte geradezu nach dem frischen Apfelsaft, wenn er aus der örtlichen Presse zurückkam, zu der wir die Äpfel brachten. 

Im Übrigen: Wann immer ich heute die Möglichkeit habe, die westfälische Küche mit den vielfältigen Kartoffel- und Eintopfgerichten zu genießen, lange ich gerne zu. So etwa auch beim Steckrübeneintopf. Im Krieg und auch in den Jahren danach galt er als Notessen. Für mich ist er nun eine Delikatesse, ebenso wie Grünkohl, allerdings ohne Pinkel, jenes mit einer fetten Gerste- und Hafergrütze gefüllte Wurstimitat, das man in Bremen und Hamburg isst. Pinkel kannte man bei uns nicht.

Dafür aß man Grünkohl mit geräuchertem Bauchfleisch, »Mettendchen« und »Rauchendchen«; das waren Mettwürste, die mal mild, mal stark geräuchert, und auf jeden Fall gut gewürzt und gesalzen waren. 

Natürlich gab es den Grünkohl erst im Winter, wenn der erste Frost gekommen war und die langen Stängel mit ihren grünen Hauben aus dem dünn gepuderten Schnee hervorstachen, denn dann schmeckte er einfach besser. Und auch heute esse ich ihn nur in dieser Jahreszeit. 

Auch das Schlachten gehörte zu meinem Leben auf dem Land. Meine Großeltern hatten einen Stall für zwei Schweine, die sie mit den Kochabfällen mästeten. Die Tiere wurden so über zwei Jahre hinweg großgezogen und dann ein ums andere Jahr im Herbst geschlachtet. 

Zum Schlachten kam eigens ein Metzger ins Haus. Ich selbst durfte nicht dabei sein, sondern hatte erst Zutritt zum Schlachtraum, wenn das Schwein mit den aufgeklappten Rippen fein säuberlich auf der Leiter hing und mit dem Wursten begonnen wurde. Noch heute ist Wurstebrei mit gekochten Kartoffeln eine meiner Lieblingsspeisen, und wenn ich in Brake bin, nehme ich mir stets mindestens ein Paket davon nach München mit. 

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