„Ein Leben lang die eine Frage“

Wer verdient warum wie viel – und ist das gerecht? Das beschäftigt den Ökonomen Hans-Werner Sinn seit seiner Kindheit. Über die Macht des Neids. Ein Vorabdruck.
Hans-Werner Sinn

DIE ZEIT, 15. Februar 2018, S. 29.

Als links orientierter Student begegnete ich der Marktwirtschaft anfangs mit großer Skepsis. Zwar hatten mich meine Lehrer überzeugt, dass diese Wirtschaftsform mehr Freiheit und mehr Wohlstand bringt als andere Varianten, die man in der Geschichte ausprobiert hat oder sich auch nur ausdenken konnte. Doch bewahrte ich mir meine Skepsis bei der Frage der Verteilung des Wohlstands. Hier hatte die volkswirtschaft-liche Theorie wenig Beruhigendes anzubieten.

Nach welchen Regeln wird in der Marktwirtschaft entschieden, wer wie viel verdient, und wie sollte man diese Regeln beurteilen? Diese Fragen ließen mich nicht los. Selbst hatte ich zu lange unter der Armut meiner Eltern gelitten, als dass ich hier gleichgültig sein konnte.

Und mit meiner Neugier - und Leidenschaft - war ich nicht allein. Die Verteilungsfrage stand in der Tat schon am Anfang der volkswirtschaftlichen Theoriebildung. David Ricardo, der zweite große britische Ökonom nach Adam Smith, hatte vor zwei Jahrhunderten die Verteilungsfrage zur Hauptfrage der Volkswirtschaftslehre erklärt, und für Karl Marx war sie das sowieso.

Von nicht wenigen wird behauptet, Märkte würden automatisch dafür sorgen, dass Ein- kommen leistungsgerecht zugemessen werden. Das ist insofern richtig, als von zwei Menschen mit gleichen Fähigkeiten derjenige, der fleißiger ist und mehr arbeitet, auch mehr verdient. Doch es gibt Fähigkeiten, die gut entlohnt werden, und andere, für die nur ein geringer Lohn erzielt wird. Wie hoch der Lohn ist, hängt davon ab, wie wichtig diese Fähigkeiten für die Produktion von Gütern und Leistungen sind und wie die Kunden diese Güter und Leistungen bewerten. Das wiederum hängt wesentlich von deren Knappheit ab. Wenn man sich anstrengt und etwas tut, was viele andere auch können, ist der Lohn gering. Wenn man hingegen etwas beherrscht, was kaum ein anderer kann, erreicht der Lohn bisweilen astronomische Werte, ohne dass man sich sonderlich anstrengen muss.

Man denke nur an die Gagen von Profi-Fußballspielern. So sollte für den lange in Barcelona spielenden Neymar eine Ablösesumme von 222 Millionen Euro bezahlt werden, damit er künftig für Paris Saint-Germain aufläuft. Kein Wunder: Neymars Fähigkeiten sind fast einmalig auf der Welt, sie sind extrem knapp.

Gute Fußballer sind selten, deshalb verdienen sie so viel, genau wie Manager

Auch Manager, deren Fähigkeiten und Kenntnisse zur Steuerung großer, globaler Unternehmen im weltweiten Wettbewerb ein extrem knappes Gut sind, erzielen hohe Gehälter, auch wenn diese in der Regel nicht im Entferntesten an das heranreichen, was Spitzenfußballspieler in den Jahren ihres sportlichen Zenits erhalten.

Gäbe es viele Fußballspieler, die so gut spielen könnten wie Neymar, so würden ge- wiss keine 222 Millionen Euro als Ablösesumme gezahlt werden. Die gleiche Logik gilt für die Manager. Wenn mit gleichen Fähigkeiten und gleichem Fleiß neue Manager in den Markt eintreten, die mehr können,fällt ihr Marktwert rapide, und sie rücken mit Blick auf ihr Einkommen ins zweite Glied.

Die Frage, wie die Entlohnung auf Arbeitsmärkten bestimmt wird, hat nach Ricardo noch viele Ökonomen beschäftigt. Erst 1899 jedoch gelang es dem US-amerikani- schen Ökonomen John Bates Clark eine überzeugende Theorie zu entwickeln. Er zeigte, dass es nicht die Leistung an sich ist, die die Entlohnung bestimmt, sondern die Grenzproduktivität - oder Grenzleistung. Betrachten wir beispielsweise den Markt für ungelernte Arbeiter. Mit Grenzleistung oder Grenzproduktivität der Arbeit ist dabei die Zusatzleistung gemeint, die ein weiterer Arbeiter erzeugt, wenn schon andere der gleichen Qualifikation vorhanden sind. Diese Zusatzleistung ist in der Regel kleiner als die Durchschnittsleistung der schon vorhandenen Arbeiter, weil die Unternehmen die produktiveren Geschäftsmodelle zunächst realisieren und die weniger guten erst bei niedrigerem Lohn in Angriff nehmen. Je mehr Arbeiter vorhan- den sind, desto niedriger muss offenbar der Marktlohn sein, denn andernfalls würde ein Teil der Arbeiter nicht integriert, und es entstünde Arbeitslosigkeit.

Sind die Arbeitnehmer austauschbar, werden auch die Löhne der anderen Arbeit- nehmer herunterkonkurriert. Auf einem Konkurrenzmarkt gibt es für einen Typ von Arbeit nur einen Lohn.

Auch der Lohn von Fußballprofis auf dem Niveau eines Neymar wird durch das Grenzprodukt dieser Spielergruppe erklärbar. Das von Neymar - oder anderen Spielern seiner Qualität - erzeugte Grenzprodukt besteht nämlich in den zusätzlichen Einnahmen seines Vereins, die aufgrund der nun häufi- geren Siege bei den Fußballspielen durch ihn möglich werden. Ähnlich ist es bei Managern von Großunternehmen, die wie die Fußballspieler bestrebt sind, ihre Vereine, sprich: Firmen, an die Spitze zu bringen und im Konkurrenzkampf siegen zu lassen.

Ist das nun gerecht? Ich habe in meinem Leben immer wieder über die Fragen der Verteilung von Wohlstand nachgedacht. Bis zum heutigen Tage ist es mir nicht ge- lungen, eine Argumentationslinie zu entdecken, nach der man die Knappheits- oder Grenzproduktivitätsentlohnung der Märkte als gerecht bezeichnen könnte, ohne seman- tische Klimmzüge veranstalten zu müssen.

Märkte sind nicht gerecht. Deshalb das Unbehagen vieler am Kapitalismus

Aber um Gerechtigkeit geht es auf den Märkten nicht. Es geht vielmehr darum, dass funktionierende Märkte als wirtschaftlicher Koordinationsmechanismus einer Ge- sellschaft ihr größtmögliches Sozialprodukt ermöglichen. Das heißt nicht, dass funktionierende Märkte ungerecht sind, sondern nur, dass sie weder unmoralisch noch moralisch, also amoralisch sind.

Ich verstehe, dass viele Menschen diese Eigenschaft von Märkten als störend empfin- den. Deswegen verstehe ich auch das Unbehagen, das sie gegenüber dem kapitalistisch-marktwirtschaftlichen System empfinden, vor allem dann, wenn es wieder einmal zu einer großen Krise mit vielen Verlierern kommt. Nur ziehe ich daraus nicht den Schluss, dass man das marktwirtschaftliche System aufgeben sollte. Viel besser ist es, Möglichkeiten zu nutzen, innerhalb des Systems schonende und - soweit es geht - marktgerechte Korrekturen vorzunehmen, die den Wirtschaftsablauf möglichst wenig stören. Das gilt ebenfalls für die Frage der Verteilung der Einkommen.

Doch warum sollte man diese Verteilung überhaupt beeinflussen? Für einen Linken, wie ich es zu Beginn meines Ökonomiestudiums war, stellte sich diese Frage nicht wirklich. Seit meiner Kindheit kannte ich materielle Entbehrungen und Armut, und ich war überzeugt, dass die Politik die Ungleichheit um der Gerechtigkeit willen ver- ringern musste. Und das hieß, die Politik sollte die Einkommen umverteilen - also von den Reichen nehmen, um den Armen zu geben. Das klingt überzeugend und ein- fach. Aber steckt hinter dieser Idee nicht vielleicht auch etwas anderes, nämlich ver- kappter Neid? Ist die Präferenz für Gerechtigkeit vielleicht dasselbe wie Neid? Wenn ich zurückdenke, waren wir Linken damals, wie ich befürchte, auch von Neid geleitet, wenn wir von Gerechtigkeit sprachen, wenn auch unbewusst. Auch den Sozialismus kann man womöglich in Teilen als einen Versuch verstehen, den Neid mit einem bes- seren Vokabular hoffähig zu machen.

Es gibt glücklicherweise bessere Begründungen für eine sozialstaatliche Umvertei- lungspolitik im Rahmen einer Marktwirtschaft als den Ruf nach Gerechtigkeit. Im Wesentlichen sind es zwei Argumentationsstränge.

Der eine ist eher pragmatischer Natur. Wenn die Einkommensunterschiede in einer Gesellschaft zu groß sind und es außerdem kaum Aufstiegschancen gibt, wächst der Groll bei denen, die abgehängt sind. Damit entsteht ein Protestpotenzial, das für die Gesellschaft destabilisierend wirkt. In einer solchen Gesellschaft ist der Anreiz für die Abgehängten groß, die Ressourcen zu stehlen, über die sie nicht verfügen. Es mag überspitzt klingen, doch die amerikanische Gesellschaft, die sehr große Einkom- mens- und Vermögensunterschiede aufweist, kann die daraus erwachsenden Spannungen offenbar nur dadurch im Zaum halten, dass sie zwei Prozent der männlichen Bevölkerung in Gefängnissen hält - doppelt so viel wie in Deutschland. Eine Gesellschaft, die so reagieren muss, erscheint - mir jedenfalls - als wenig erstrebenswert.

Die zweite Begründung, warum es sinnvoll ist, die Marktwirtschaft um einen Sozial- staat zu ergänzen, hat mit der Versicherungsfunktion der staatlichen Umverteilung und deren Wirkungen zu tun.

In meinen eigenen Forschungen habe ich argumentiert, dass wir Menschen uns am Anfang des Lebens noch großenteils hinter einem Schleier des Unwissens befinden, der dann im Laufe der Zeit allmählich gelüftet wird. Wenn ein Kind geboren wird, ist in den allermeisten Fällen nicht klar, ob es später gesund sein wird, wie es in der Schule abschneiden wird, welche Freunde ihm über den Weg laufen werden, ob es Glück im Beruf haben wird, wen es heiraten wird, ob es einen Unfall haben wird und vieles, vieles mehr. All diese Risiken kom- men erst sukzessive im Laufe des Lebens zum Tragen. Die Folge ist, dass junge Menschen, oder besser noch: deren Eltern, bei der Beurteilung einer Umverteilungspolitik des Staates auch die Möglichkeit des späteren Scheiterns im Leben und in der Arbeitswelt in Betracht ziehen und deshalb grundsätzlich eher bereit sind, einem sozialstaatlichen Gesellschaftssystem zuzustimmen, als wenn man dieselben Menschen später befragt, wenn klar ist, dass die Kinder zu den Gewinnern gehören.

In einem so konstruierten Denkansatz ist es damit möglich, die Umverteilungspolitik im Sinne einer Gesellschaftspolitik des Staates zu interpretieren, von der letztlich jeder mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit würde profitieren können, ähnlich wie bei einem privaten Versicherungsvertrag.

Sozialpolitik ist demnach auch eine Art Versicherungsschutz auf Gegenseitigkeit, den sich mündige Staatsbürger im wohlverstandenen Eigeninteresse geben. Und solch umfassende Versicherungen gegen die Lebensrisiken, wie sie der Sozialstaat anbietet, kann tatsächlich nur der Staat selbst zur Verfügung stellen. Eine umverteilende Besteuerung kann wegen des Versicherungsschutzes, den sie bietet, zudem zu einer Erhöhung der Wagnisbereitschaft der Menschen führen, weil die Last des Scheiterns zum Teil von der Gemeinschaft getragen wird.

Es folgt aus diesen grundsätzlichen Überlegungen nicht, dass man die Umverteilung beliebig weit treiben sollte. Sonst ist der Vorteil aus der Verringerung der Ungleich- heit nicht mehr in der Lage, den Nachteil eines verkleinerten Durchschnittseinkommens auszugleichen. Wo dieser Punkt genau liegt, ist naturgemäß schwer zu sagen.

Deutschland ist unter den entwickelten größeren Ländern dieser Erde dasjenige Land, in dem der statistische Unterschied zwischen der Ungleichheit der Bruttoein- kommen der Menschen und der Ungleichheit der Nettoeinkommen am größten ist. Deutschland ist insofern das Land, in dem bereits mehr umverteilt wird als in allen anderen großen Ländern der Erde. Dieses Faktum spricht nicht dafür, dass es bei diesem Thema Nachholbedarf hat.

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