„Säkulare Stagnation, schöpferische Zerstörung - und selbst produziertes Siechtum“

Billiges Kapital und niedrige Zinsen kurbeln nicht das Wachstum an, sondern schützen die Vermögenden. Ein nachhaltiger Aufschwung gelingt nur mit einem Paradigmenwechsel in der Geldpolitik.
Hans-Werner Sinn

Wirtschaftswoche, 02.09.2016, S. 31

Als John Williams, der Präsident der mächtigen Distrikt-Zentralbank der US-Westküstenstaaten, kürzlich vorschlug, das Inflationsziel der Federal Reserve Bank von zwei Prozent auf drei Prozent anzuheben, atmeten viele Anleger auf. Sie werteten den Vorstoß als Signal für weiterhin niedrige Zinsen. Höhere Zinsen hätten niedrigere Aktien- und Immobilienpreise bedeutet - und so manche Jahresbilanz verhagelt.

Williams begründet seine Empfehlung mit der Gefahr der Säkularen Stagnation, einem Begriff, der 1938 von Alvin Hansen, einem Zeitgenossen von Keynes, geprägt wurde. Säkulare Stagnation bedeutet: Es gibt einen dauerhaften Sparüberhang über die Investitionen, der auch bei Nullzinsen nicht verschwindet, weil die Menge der rentablen Investitionsmöglichkeiten erschöpft ist. Hansen wollte den Sparüberhang durch permanente Budgetdefizite des Staates abschöpfen. Williams indes setzt auf die Geldpolitik. Da der natürliche Realzins, zu dem genug Investitionen zustande kommen, null oder sogar negativ sei, müsse die Notenbank auch bereit sein, mit niedrigeren Nominalzinsen eine höhere Inflationsrate anzupeilen.

Mit seiner Angst vor einer Säkularen Stagnation steht der Autor nicht allein. Ökonomen wie Carl Christian von Weizsäcker oder Larry Summers haben ähnliche Befürchtungen geäußert. Auch ich selbst habe 2009 die Gefahr einer Säkularen Stagnation vom japanischen Typus beschrieben.

Inzwischen ist aber einiges Wasser den Rhein hinuntergeflossen, und es schält sich angesichts der alle Mandatsgrenzen sprengenden Interventionen der Notenbanken eine weitere Hypothese zur Erklärung des Geschehens heraus. Ich nenne sie das "selbst produzierte Siechtum".

Basis dieser Hypothese ist der Schumpeter'sche Konjunkturzyklus. Es bilden sich aufgrund von Erwartungsfehlern regelmäßig Kreditblasen, die platzen und danach neues Wachstum ermöglichen. Investoren kaufen in Erwartung steigender Preise und Einkommen Wohn- und Gewerbeimmobilien, wagen neue Unternehmungen. In der Folge steigen die Immobilienpreise, es gibt einen Bauboom. Eine neue Gründerzeit setzt ein, die sich über die Belebung der Binnenwirtschaft ein Stück weit selbst trägt und die Dienstleistungssektoren mit erfasst. Die wachsenden Einkommen machen die Kreditnehmer immer wagemutiger, was die Stimmung weiter aufheizt. Die Währung wertet auf, die Importe nehmen zu.

Dann platzt die Blase. Die Ökonomie kollabiert, die Immobilienpreise fallen, die Währung wertet ab, Firmen gehen in Konkurs. Grundstücke, Fabrikgebäude, Wohnhäuser und nicht zuletzt Arbeitskräfte werden frei. Bei niedrigen Preisen, einem niedrigeren Wechselkurs und günstigen Arbeitslöhnen steigen wieder neue Investoren ein, die neue Firmen mit neuen Geschäftsideen aufbauen. Nach der "schöpferischen Zerstörung" setzt eine neue Gründerzeit ein.

In der aktuellen Krise wird die schöpferische Zerstörung als Basis des neuen Aufschwungs durch die Geldpolitik verhindert. Die Notenbanken haben sich von Vermögensbesitzern einreden lassen, durch groß angelegte, mit der Druckerpresse finanzierte Anleihekäufe könne man den Schumpeter'schen Konjunkturzyklus überwinden. Sie stoppten den Verfall der Asset-Preise auf halber Höhe und verhinderten den Untergang vieler Vermögen, doch verhinderten sie auch, dass sich genug junge Unternehmer und Investoren bereitfanden, von Neuem einzusteigen.

Die Plätze blieben von Altunternehmen besetzt, die sich mühsam über Wasser hielten, doch keine Kraft für neue Investitionen hatten. Insbesondere in Europa, wo Fed-Vertreter Williams mittlerweile einen negativen natürlichen Zins vermutet, blieben haufenweise Zombie-Firmen und Zombie-Banken erhalten. Sie blockieren aufstrebende Konkurrenten, die das Wachstum der Zukunft tragen könnten. So erstarrt die Wirtschaft in einer Situation, die wie eine Säkulare Stagnation vom Hansen-Typ aussieht - aber in Wahrheit eine selbst gemachte Stagnation ist.

Weil niedrige Zinsen zwar hohe Vermögenswerte, aber noch keine Wertzuwächse bedeuten, müssen die Zinsen immer weiter gesenkt werden, um den Finanzinvestoren die Gewinne und die davon abgeleiteten persönlichen Einkommen zu sichern. Die Ökonomie gerät bei fallenden Zinsen in ein permanentes Siechtum. Dieses findet erst dann ein Ende, wenn es in der Geldpolitik erneut einen Paradigmenwechsel gibt - wenn nicht gar eine echte Kulturrevolution.

Nachzulesen bei: www.wiwo.de