„Der Ökonom als Lehrmeister aller“

Waltraud Schelkle, FAZ, 10. Oktober 2018, S. 11

Eine ganz besondere Wissenschaft: Was uns Hans-Werner Sinn über die Volkswirtschaftslehre und ihre Möglichkeiten der Wohlfahrtsteigerung durch Wahrheitssuche mitteilt.

Er ist vermutlich der bekannteste Volkswirt Deutschlands. Und zwar nicht nur in Deutschland, sondern auch im Ausland, nicht nur im Fach, sondern auch in der weiteren Öffentlichkeit. Dafür sorgen seine in der Regel übersetzten Bücher wie "Kaltstart" (1991), "Die Basar-Ökonomie" (2005) und "Das grüne Paradoxon (2008). Es gibt kein Thema, das die Welt bewegt und zu dem sich Hans-Werner Sinn nicht bald breitenwirksam äußerte: Demographie und deutsche Vereinigung, Umweltpolitik und Wohlfahrtsstaat, Migration, Kasino-Kapitalismus und natürlich der Euro. Manchmal ist es auch umgekehrt: ein Thema bewegt ihn und dann schon bald die Welt. Die Target-Falle war so ein Fall.

Seine Dauerpräsenz in den Massenmedien geht nicht zu Lasten seiner Dauerpräsenz in Fachzeitschriften und Fachverbänden der Volkswirtschaftslehre. Meist ist er dabei in patriotischer Mission unterwegs, um dem unterschätzten deutschen Beitrag Geltung zu verschaffen. Sein wissenschaftliches OEuvre ist sowohl hinsichtlich Qualität als auch Quantität mehr als beeindruckend. Daneben hat er als Wissenschaftsmanager für die Internationalisierung und Verjüngung der deutschen Volkswirtschaftslehre gesorgt, insbesondere während seiner vierjährigen Amtszeit als Präsident des "Vereins für Socialpolitik", der deutschen Ökonomenvereinigung, die charmanterweise ihren historischen Namen beibehalten hat.

Neulich hat sich Sinn zum siebzigsten Geburtstag selbst ein Geschenk gemacht und eine 656 Seiten starke Lobrede auf Sinn und die Volkswirtschaftslehre verfasst. Seine Autobiographie ist die exemplarische Beschreibung eines Ökonomenlebens. Die Volkswirtschaftslehre hat ihn auf die "Suche nach der Wahrheit" gebracht und ihm die Heimat eines säkularen Ordens gegeben. Letzteres offenbart er im Schlusskapitel, wo er sich mit Josef Knecht aus Hermann Hesses "Glasperlenspiel" vergleicht. Im Gegensatz zu diesem Romanhelden "brach ich nicht mit meinem Orden, der mir noch immer eine warme Stube, theoretischen Rückhalt und geistvolle Gesprächspartner bietet." So schließt sich der Kreis zum Anfangskapitel, der den Bildungsroman einleitet, in dessen Verlauf Sinn zu einem Meister des Glasperlenspiels avanciert, aber auch schon bald mehr sein will als nur Magister Ludi unter seinesgleichen.

Treten wir also ein in diese warme Stube einer Bruderschaft. Letzteres, denn Frauen kommen als geistvoll gesprächsbereite Kolleginnen und Beiratsmitglieder der vielen Gremien, die Sinn besetzt, nicht vor. Sie sind bis auf wenige Ausnahmen die wundervollen Ehefrauen bedeutender Kollegen. Auch die erste und bisher einzige Nobelpreisträgerin, Elinor Ostrom, findet keinen Platz, obwohl wir über das Allmende-Problem, Kollektivgüter und jeden Nobelpreisträger hören, zu dem Sinn irgendeine Verbindung herstellen kann.

Die "Unsichtbare Hand" ist keinesfalls voraussetzungslos

Sinn spricht mit Autorität über und für die moderne Volkswirtschaftslehre, denn er hat sie dreißig Jahre lang mitgeprägt. Hier ist, was wir dabei über das Selbstverständnis eines exemplarischen Stubenbewohners erfahren.

Erstens: Eine Wahrheit ist keine, bis ein Ökonom sie ausgesprochen hat. Nobelpreise in Ökonomie wurden für Lebenswerke vergeben, die familiensoziologische Forschungen über die Arbeitsteilung der Geschlechter (Gary S. Becker) oder Wissen über rechtliche und politische Institutionen (Ronald Coase, John Williamson) in schlichteren Versionen nacherfinden. Das beschert uns dann solche Einsichten: "Verhaltensökonomische Experimente zeigen, dass Menschen zu wenig an die Zukunft denken, mit kleinen Wahrscheinlichkeiten nicht gut zurechtkommen oder gedanklich träge sind und am Status quo festhalten." Die beiden israelischen Psychologen Daniel Kahneman und Amos Tversky, die das erstmals in den siebziger Jahren zeigten, müssen deshalb auch nicht erwähnt werden. Solche "wichtigen Erkenntnisse" haben für den Ökonomen erst Informationswert, wenn seinesgleichen das sagt. Denn seinesgleichen dachte lange Zeit, ohne den Homo oeconomicus, die Annahmen des instrumentell kalkulierenden, neidlosen und klug-egoistischen Individuums, ginge nichts.

Diese Annahmen sind für "saubere" ökonomische Analysen nicht nur hinreichend, sondern den realistischen Alternativen sogar überlegen. Homo oeconomicus sorgt für das klare Denken der Ökonomen und gewährleistet eine nichtpaternalistische Wirtschaftspolitik, sofern die gewählten Entscheidungsträger dem ökonomischen Rat folgen (tun sie leider viel zu wenig, aber dazu kommen wir gleich noch). Man mag sich fragen, wie viel es damit noch auf sich hat, nachdem das Trojanische Pferd der Psychologie, die Verhaltensökonomie, ins Innere der Ordensburg gelangte. Aber man kann die Gefahr ja durch Vereinfachung bannen.

Für eine Entscheidungsträgerin an höchster Stelle hat der rundum wahrheitsfündige Ökonom auch noch so eine Einsicht bereit: "Die Kanzlerin sollte nicht übersehen, dass auch Trump nur für eine begrenzte Zeit gewählt ist. Trump ist nicht Amerika." Die komparative Demokratieforschung hat dazu auch schon das eine oder andere gesagt, aber bestimmt nicht in dieser Klarheit. Die Kanzlerin wird darüber sicher länger nachdenken müssen. Zum Beispiel, ob eine Außenpolitik das Verhältnis zu amerikanischen Präsidenten verbessert, die davon ausgeht, dass seine Bedeutung flüchtig und ihre Repräsentativität fragwürdig ist. Da wird sie noch viel Überzeugungsarbeit bei Diplomaten leisten müssen, aber sie kann sich ja Rat beim Ökonomen einholen.

Zweitens: Die Wahrheitssuche der Ökonomen ist uneigennützig. Der Unterschied zur Politik könnte nicht größer sein: "Während Volkswirte an die allgemeine Wohlfahrt, die Perspektiven nachfolgender Generationen, wirtschaftliche Stabilität, Wachstum, Inflation, gesicherte Energieversorgung oder die Einkommensverteilung denken - Aspekte, von denen sie annehmen können, dass sie den meisten Menschen wichtig sind -, stehen bei Politikern die nächste Wahl, die Schachzüge ihrer Rivalen in der politischen Arena, die Stimmung in der Partei und das mediale Erscheinungsbild im Vordergrund."

Jetzt fragt man sich eigentlich nur noch, warum wir all diese Beschränkungen einsichtiger Politik, die an die Menschen denkt, nicht einfach abschaffen: Wahlen, die Opposition, Parteien und Medien. Vielleicht ginge die Abschaffung der Medien etwas zu weit, denn das würde manchen Ökonomen ja eine vielgenutzte Plattform nehmen. Denn der immer strebend sich bemühende Volkswirt ist ein Volksberater. So sieht es die moderne Finanzwissenschaft, die sich der Rolle der Staatstätigkeit in der Wirtschaft widmet. Die Finanzwissenschaft informiert "ja nicht nur die Politiker, sondern auch die Wähler, die den Politikern auch einmal Beine machen können. Wohlmeinende Politiker werden von dem Fach in der Tat nicht oder nicht notwendigerweise unterstellt, eigentlich nur Wähler, die sich kein X für ein U vormachen lassen wollen."

So ist doch alles gut eingerichtet: Normalerweise können wir annehmen, dass sich die Wähler von der Politik nicht hinters Licht führen lassen, eben weil sie rationalerweise um ihr Eigenwohl besorgt sind. Sollten sich die Denkfaulen oder Dummen unter uns doch mal ein X vormachen lassen, dann springen uns die Volkswirte bei, die ebenso erstaunlicher- wie glücklicherweise nicht wie wir und wie die Politiker sind, sondern für Wählerwohl und Wahrheit arbeiten.

Drittens nämlich: Die ökonomische Wahrheit ist frei von Ideologie. Die Volkswirtschaftslehre ist eine "Welt, die von Ideologien nichts wissen will", und man kann ihre Suche nach der Wahrheit geradezu als "Jagd auf alles Ideologische bezeichnen". Das geht dann so: Die allgemeine Gleichgewichtstheorie hat uns gezeigt, dass Adam Smiths unsichtbare Hand nicht nur eine Metapher war, sondern "dass Märkte unter gewissen idealen Bedingungen tatsächlich in der Lage sind, bei jeder denkbaren Ressourcenausstattung einer Volkswirtschaft bestmöglich zur Wohlfahrtssteigerung für die Menschen beizutragen". Nun sind ideale Bedingungen nie ganz einfach zu erfüllen. So darf niemand Güter tauschen, bevor nicht alle - und das meint wirklich alle - richtigen Preise gefunden sind, bei denen die Erstausstattungen in allen anderen freiwilligen Tauschvorgängen eine Nachfrage finden, jetzt und für alle Eventualitäten in der Zukunft.

Es gibt solche Märkte für alle zukünftigen Eventualitäten nicht, und wenn es Geld gäbe, würde das in unserer allgemein-gleichgewichtigen Marktwirtschaft auch allerhand Unbestimmtheit erzeugen. Gut, dass es in dieser Welt kein Geld gibt. Deshalb könnte man die Gleichgewichtstheorie auch so verstehen: Sie hat gezeigt, dass die unsichtbare Hand eine unglaublich voraussetzungsreiche Annahme ist und man sich besser von ihr verabschiedet, zusammen mit all den daraus folgenden Behauptungen zur Wohlfahrt der Menschen. Aber nein, der Ökonom bastelt sich lieber ein Modell des temporären Gleichgewichtes, wo dann schon auch mal zu falschen Preisen gehandelt werden darf. Allerdings ist es dann mit der bestmöglichen Wohlfahrtssteigerung nicht mehr so weit her. Man kann es schlicht nicht sagen.

Mit den "Erstausstattungen" der Produzenten (Haus und Hof samt Traktor und Kuh oder alles, was auf Robinsons Schiff war) ist es auch so eine Sache. Sie fallen, denkt sich die schlichte Leserin, ja nicht vom Himmel, sondern sind irgendwie, irgendwann von irgendjemandem angeeignet worden. Das interessiert Soziologie und Politikwissenschaft als Verteilungswettbewerb und Ungleichheitsursache. Kein Wunder, dass dem Ökonomen beide Fächer "zu ideologielastig" sind. Für ihn ist das eine Frage des effizienten Produktionseinsatzes. Wenn alle kriegen, was ihr zusätzlicher Einsatz dem Endprodukt zufügt, dann ist das effizient; und wenn sie besondere Fähigkeiten haben, dann kriegen sie vielleicht auch ein bisschen mehr - aber nicht jeder kann Fußball spielen wie Neymar. Die Gerechtigkeitsfrage stellt sich also für Sinn ausdrücklich nicht. Effizienz gibt uns beides: den größtmöglichen Kuchen und jedem genau das Stück, über das sich niemand beschweren kann.

 Der "aufregende Kampf" um die Target-Salden

Bevor wir uns jetzt fragen, wer oder was entscheidet, ob Manager eher mit Neymar oder mit denen vergleichbar sind, die gemanagt werden, muss ein Missverständnis ausgeräumt werden. Natürlich gibt es von einer wohlwollenden unsichtbaren Hand geleitete Märkte gar nicht. Wie der junge Ökonom früh lernt, ist "die Idealvorstellung der Märkte nicht als Beschreibung eines Ist-Zustandes gemeint, sondern als normativer Referenzpunkt zur Beurteilung von Marktfehlern, so wie auch der Arzt die Vorstellung von einem gesunden Körper braucht, um die Krankheiten zu erkennen". Es wäre freilich linksideologisch, jetzt einzuwenden, dass dann die effiziente Marktwirtschaft für den Ökonomen den gleichen Stellenwert hat wie der gerechte Sozialismus für ihre Kritiker.

Auch muss man nicht immer auf diesen Marktfehlern als Krankheiten herumreiten. Stattdessen werden die Märkte in die Klinik der Volkswirtschaftslehre gebeten, um dort behandelt zu werden. Vielleicht misslich, dass systemische Krisen sich damit schlecht verarzten lassen. Das Wartezimmer reicht nicht aus, und es würde die Spezialisten auch überfordern. Aber vielleicht kann man ja einfach annehmen, dass es systemische Krisen nicht geben kann? Oder dass Konstruktionsfehler von der Politik verschuldet sind?

Letzteres hat der Ökonom für die Krise der europäischen Währungsunion ja gezeigt. Zum Beispiel durch die Entdeckung der Target-Salden: "Für mich stellte sie nicht nur einen aufregenden Kampf um die wissenschaftlich fundierte Wahrheit dar, vielmehr endete dieser Kampf auch danach nicht, denn nachdem ich sie gefunden hatte, galt es, die Deutungshoheit zu behalten." Kämpfen war bitter nötig, denn leider haben die vielen internationalen Fachleute, die sich plötzlich für Target-Salden interessierten, Sinns Deutungen unmissverständlich zurückgewiesen. Darunter befand sich auch ein Ökonom der Federal Reserve Bank in den Vereinigten Staaten, Alexander Wolman, der sich nur wunderte. Sinns Behauptung, in Amerika würde der jährliche Ausgleich der Zahlungssalden die Kreditvergabe der regionalen Zentralbanken untereinander beschränken, sei schlicht falsch. In der Target-Debatte ist die warme Stube sehr klein und sehr deutschsprachig geworden.

Aber das ficht Sinn nicht an. Solange sich Kritiker der Marktwirtschaft aufregen und Politiker nicht so handeln, wie er es ihnen sagt, weiß der Ökonom, dass er recht hat. Und deshalb wird Hans-Werner Sinn an seinen definitionsgemäß ideologiefreien Einsichten uneigennützig festhalten. Denn von innen betrachtet, ist es doch nichts als die Wahrheit, was anderen vor allem als ein ständiger Kampf um Deutungshoheit erscheinen könnte.

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