"Ich traue mich nicht"

Catherine Hoffmann, Süddeutsche Zeitung, 16. Dezember 2010, S. 23

Trotz aller Schwierigkeiten des Euro: ifo Chef Hans-Werner Sinn wünscht sich die D-Mark nicht zurück.

München - Genau so wünschten es sich die Gäste, die an diesem verschneiten Dienstagabend in die Große Aula der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität strömten: nicht trivial, geschwätzig und schrill wie in den Talkshows der vergangenen Tage. Die Besucher suchten das Gegenteil: nüchterne Bestandsaufnahme, leise Töne. Hans-Werner Sinn, Präsident des ifo Instituts für Wirtschaftsforschung, sprach über "Europa in der Krise". Rund 1000 Zuhörer kamen zu diesem Münchner Seminar, einer gemeinsamen Initiative von CESifo Group und Süddeutscher Zeitung.

Erst haben die Staaten Banken und Wirtschaft gerettet, nun stecken sie selbst in der Klemme. Die Lage hat sich erheblich verschärft, seit im Mai diesen Jahres Griechenland Erste Hilfe benötigt hat. Längst geht es nicht mehr nur um Athen, sondern um Irland, Portugal, und vielleicht sogar Spanien oder Italien. Die gemeinsame Währung steht auf dem Spiel; den Eindruck muss gewinnen, wer eine der täglichen Fernsehsendungen zum Euro verfolgt, in denen Ex-BDI-Chef Hans-Olaf Henkel oder Wirtschaftsprofessor Max Otte das Scheitern des Euro prophezeien.

Sinn ist der Krisen-Talk zu simpel. "Ich muss Sie jetzt schon warnen: Mein Vortrag hat Überlänge", ruft der Hochschullehrer gleich zu Beginn ins Mikrofon, er wolle ja nicht wie im Fernsehen im 30-Sekunden-Takt "über die Probleme hinweghüpfen". Am Ende haben seine Schüler gut verstanden, wo die Krux der Währungsunion liegt, warum Deutschland kein Gewinner des Euro ist ("die Behauptung ist absurd") und weshalb Griechenland seine Schulden "nie und nimmer" zurückzahlen kann.

Dennoch möchte Sinn, der keineswegs als passionierter Euro-Fürsprecher bekannt ist, nicht raus aus dem Euro, er verlangt dies auch von keinem anderen Land. "Ich traue mich nicht zu sagen, Deutschland braucht wieder die DMark", erklärt er. Und diese Scheu vor radikalen Forderungen hat nicht nur damit zu tun, dass mit diesem Schritt alle Wettbewerbsvorteile durch den Euro auf einen Schlag dahin wären, sie hat wohl auch politische Gründe. Von diesem Dilemma, dass politisch wünschenswert ist, was ökonomisch wenig sinnvoll zu sein scheint, spricht Sinn nicht; nur so viel: "Es wäre für Deutschland und Europa besser gewesen, die Währungsunion kleiner zu starten", sagt er. "Aber nun können wir nicht mehr zurück." Es gebe nur einen Weg voran, der dürfe aber nicht in die Transferunion führen, vielmehr müsse eine größere Schuldendisziplin das Ziel sein.

Schon klar: Die Krisenländer Griechenland, Irland und Portugal fallen vor allem durch übermäßig hohe Schuldenquoten auf. Der Zustand der Staatshaushalte sei erschreckend. 68 Verstöße zählt Sinn gegen die Defizitgrenze im Maastricht-Vertrag, geahndet worden sei nicht ein einziger. "Der Stabilitätspakt ist zur Witznummer verkommen", beklagt der Ökonom. Ein Vertrauensverlust habe die Krise ausgelöst, abzulesen am Kurseinbruch der griechischen, irischen, portugiesischen und spanischen Staatsanleihen. Wobei Sinn lieber von "GIPS"-Staaten spricht, dies sei höflicher als die englische Kurzform "PIGS", was wörtlich Schweine heißt. Neue Zuhörer gleiten in den Saal, sie finden nur noch auf den Treppen Platz, als das Krankheitsbild der Mittelmeerländer vervollständigt wird durch bedrohliche Leistungsbilanzdefizite, horrende Arbeitslosenquoten, geringe Abgabenquoten, gerade im Vergleich zu Deutschland.

Die deutsche Wirtschaft, viele Jahre Schlusslicht Europas, boomt in diesem Jahr, die Arbeitslosigkeit sinkt, das Schuldenproblem wirkt überschaubar. Sinn hat eine Erklärung für die wundersame Wende hin zum Aufschwung, während Griechen, Iren und Spanier in der Rezession verharren: Die geteilte Welt habe ihren Ursprung in den riesigen Kapitalimporten, mit denen die Krisenländer von heute eine lange Phase Hochkonjunkturphase finanziert haben. Zwischen 2002 und 2010 habe Deutschland 1058 Milliarden Euro exportiert, spanische Immobilien und griechische Anleihen gekauft, aber nur wenig (562 Milliarden Euro) zu Hause investiert. Dem Kapitalstrom ins Ausland folge zwangsläufig der Güterstrom. Das Ergebnis: Ein Jahrzehnt der wirtschaftlichen Flaute und hohe Exportüberschüsse in Deutschland. Nun kehre sich der Prozess um, "weil sich Banken nicht mehr ins Ausland trauen, suchen sie das langweilige Geschäft in Deutschland", erklärt Sinn und freut sich: "Der Aderlass ist vorbei." Jetzt drohe den GIPS-Ländern die Flaute. Sie bekommen zunehmend Schwierigkeiten, ausländisches Geld aufzutreiben.

Frankreichs Finanzministerin Christine Lagarde und ihr US-Kollege Timothy Geithner, die Deutschland wegen seiner Exporterfolge auf die Anklagebank gesetzt haben, müssten sich keine Sorgen machen. "Die Leistungsbilanzüberschüsse verschwinden von alleine", sagt Sinn.

Und was wird nun aus dem Euro? Von "Tina"- Argumenten - "there is no alternative" - hält Sinn jedenfalls nichts. Also präsentiert er eine Alternative zu den angeblich stets alternativlosen Rettungsaktionen: Statt Vollkaskoschutz für Krisenländer fordert er einen Selbstbehalt der Gläubiger. Sie sollten "scheibchenweise" auf einen Teil ihrer Forderungen verzichten, während die Gemeinschaft den gefährdeten Staaten mit Bürgschaften hilft. Gesucht wird eine delikate Balance zwischen Fördern und Fordern.