Ein sauberes Dilemma!

Rudolf Huber, Focus, 15. Juni 2019

Eine neue Studie zu einem alten Streit: Wer hat die bessere Ökobilanz? Der Diesel oder das E-Auto? Und was bedeutet die Diskussion für die Mobilität der Zukunft? Eine Einordnung.

Elektroautos starten mit einer schlechteren Umweltbilanz als moderne Diesel und bleiben deshalb ökoschädlicher als Verbrenner-Mobile: Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie von Hans-Werner Sinn und Christoph Buchal. Man mag dazu stehen, wie man will – eines hat die Studie auf jeden Fall erreicht: Der Ex-Chef des Ifo-Instituts Sinn und der Physiker haben eine Debatte angestoßen, die im besten Fall mehr Klarheit und das Ende längst widerlegter Mythen und Vorurteile bringen kann.

Tesla Model 3 vs. Mercedes C 200 d

Kurz gefasst, kommen Sinn, Buchal und der Energie-Experte Hans-Dieter Karl nach dem theoretischen Vergleich eines Tesla Model 3 mit 75-kWh-Batterie und einem Mercedes C 220 d zu dem Schluss, dass das Elektrofahrzeug auch unter Berücksichtigung des stetig „sauberer“ werdenden Strom-Mixes wegen des hohen Energieaufwands bei der Akku-Produktion über seinen Lebenszyklus hinweg mehr CO2 pro Kilometer ausstößt als ein Diesel. Die Klima-Mehrbelastung beziffern sie auf 11 bis 28 Prozent. Aus der Traum von der sauberen E-Mobilität?

Die Industrie dementiert die Sinn-Studie. So legt Volkswagen Berechnungen vor, nach denen ein e-Golf schon heute einem Golf TDI überlegen ist. Über das gesamte Autoleben (ca. 200 000 km) hinweg soll der Diesel durchschnittlich 140 Gramm CO2 je Kilometer emittieren, der e-Golf 119 Gramm. Grundlage für diese Berechnung ist das „Life Cycle Assessment“, ein komplexes und aufwendiges international normiertes Verfahren zur Ermittlung der Ökobilanz von Fahrzeugen von der Produktion bis zur Endverwertung.

Nicht alle, die sich mit ihren Bewertungen zur Sinn-Studie zu Wort melden, gehen so sachlich vor. Wie beim Thema Zukunftsmobilität üblich, prallen Meinungen und Ideologien heftig und mit einem Feuerwerk aus Daten und Verweisen auf alternative Untersuchungen aufeinander. Kluges Abwägen gehört in diesem emotional geladenen Bereich selten zu den Haupttugenden der Beteiligten. Doch inzwischen hat sich die allergrößte Aufregung gelegt. Jetzt sollte dringend Bilanz gezogen werden. Und die fällt für viele Beobachter überraschend aus. Denn so unbefriedigend das auch sein mag: Die Verfechter beider Positionen liegen richtig. Anders gesagt: Es geht nicht um ein Entweder-oder. Es geht um Diesel und Strom.

Elektromobilität und Kohlestrom

Auf den Punkt gebracht, heißt das: Ja, aktuelle Elektroautos tun sich, abhängig vom Strom-Mix bei ihrer Herstellung und der Akku-Größe, zumindest sehr schwer, günstigere Lebenszeit-Emissionen als ein Diesel einzufahren. Moderne Selbstzünder haben mittlerweile ein Sauberkeitsniveau erreicht, das mit Kohlestrom betriebene E-Mobile auch über Jahre hinweg nicht schaffen. O-Ton VW-Chef Herbert Diess: „Ich sage der Politik immer noch, dass moderne Diesel in großen Fahrzeugen und auf langen Strecken Elektroautos überlegen sind.“ Von anderen Antriebsarten ganz zu schweigen.

Fakt ist auch: Die Elektromobilität kommt in Deutschland nur sehr langsam voran. Ihr Anteil an den Neuzulassungen lag 2018 bei gerade mal einem Prozent. Die Tendenz ist zwar steigend. Dennoch ist klar: Die Verbrenner werden noch sehr lange in der Mehrheit sein. Und sich noch viel länger die Straßen mit den E-Mobilen teilen.

Daraus folgt: Die Industrie muss parallel zum Aufbau eines immer umfassenderen Stromer-Angebots alles tun, um herkömmliche Antriebe noch sauberer zu machen. Dass das möglich ist, zeigen Selbstzünder mit SCR-Kat, die teilweise sogar die strengen Grenzwerte der Euro-6d-Temp-Norm noch deutlich unterschreiten. Und das nicht nur auf dem Prüfstand, sondern real.

Strom-Mix wird grüner

Viel- und Weitfahrer können aktuell auf moderne Selbstzünder nicht verzichten – sowohl wegen der Emissionen als auch wegen der Wirtschaftlichkeit. Dass wegen des gleichnamigen Skandals der Anteil der Diesel tendenziell im Sinkflug ist, wirkt angesichts dieser Tatsachen fast schon wie Hohn. Klar ist auch, dass mit Ökostrom hergestellte und gefüllte Akkus die Langzeitbilanz eines Stromers massiv verbessern, dass der bundesdeutsche Strom-Mix keine Konstante ist, sondern immer grüner wird – Stichwort Energiewende. Und dass in den nächsten Jahren Zehntausende private Solaranlagen aus der Erneuerbare-Energien-Gesetz-Förderung herausfallen und zu perfekten sauberen Tankstellen für E-Autos werden. Doch die Verkehrswende hin zum Strom dauert. Sie dauert noch lange.

Zweispurig in die Zukunft

Der einzig vernünftige Weg in die Zukunft kann also nicht auf ideologisch und emotional geprägter Konfrontation basieren. Er muss zweispurig sein. Hier die Elektroautos in allen ihren Ausprägungen, batterieelektrisch oder mit Brennstoffzelle, vom kleinen, leichten City-Flitzer bis zum Alltagsauto mit 400 bis 500 Kilometer Reichweite – eben so, wie es individuell am besten passt. Dazu noch eine Armada elektrifizierter Helfer für Handel und Gewerbe – also für die „letzte Meile“.

Auf der anderen Seite der Verbrenner – gerne auch mithilfe von Mild- oder Plug-in-Hybridtechnik auf größtmögliche Effizienz und Sauberkeit getrimmt. Bevorzugt auch als Clean Diesel – ganz so, wie es eben fürs Bewegungsprofil des Nutzers am besten passt.

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