„Generationengerechtigkeit“

Torben M. Andersen, Giuseppe Bertola, John Driffill, Harold James, Hans-Werner Sinn, Jan-Egbert Sturm und Branko Urošević

oekonomenstimme.org, 09.03.2016.

Europa altert rasch. Die Folgen davon sind eine immer stärkere Fokussierung der Politik auf die älteren Generationen und die gleichzeitige Vernachlässigung der jüngeren. Darunter leidet die Generationengerechtigkeit, die als Basis für eine gleichberechtigte soziale Ordnung gilt. In einer Welt hoher Mobilität, in der junge produktive Menschen ihr Heimatland verlassen können, muss Europa einen Teil des Generationenvertrags "europäisieren", wie dieser Beitrag zeigt.

Die Idee eines Generationenvertrags legt den Grundstein für eine gleichberechtigte soziale Ordnung, Stabilität und Nachhaltigkeit.[1] In vielen Ländern wird heutzutage vom öffentlichen Sektor erwartet, die Familie im Rahmen der Finanzierung von Bildung und Altersbezügen zu ersetzen. Der Vater der modernen Wohlfahrtsökonomie, Arthur Pigou, stellte sich den Staat als Vertreter derer vor, die in der Diskussion um den Generationenvertrag "nicht anwesend" sind: "It is the clear duty of Government, which is the trustee for unborn generations as well as for its present citizens, to watch over, and, if need be, by legislative enactment, to defend, the exhaustible natural resources of the country from rash and reckless spoliation." (Pigou, 1932, S. 29f.) In der heutigen Zeit stehen sozialstaatliche Modelle jedoch vor zwei gewaltigen Herausforderungen: demographischer Wandel und Finanzierbarkeit.

Das moderne Europa altert rapide. Die sich ändernde Alterspyramide gibt Politikern den Anreiz, sich verstärkt um die Bedürfnisse der zahlenmäßig immer dominanter werdenden älteren Generation zu sorgen und die Belange der jüngeren Generation außer Acht zu lassen. Eine gerontokratische Politik stellt tendenziell eher auf die Auszahlung vergangener Ersparnisse als auf Investitionen in die Zukunft ab. Die sich ergebenden politischen Maßnahmen belasten die jüngere Generation und gefährden auf lange Frist die Nachhaltigkeit industrieller und post-industrieller Gesellschaften.

Der soziale bzw. kollektivierte Vertrag

Die Idee eines Generationenvertrags ist die Basis für eine gleichberechtigte soziale Ordnung, Stabilität und Nachhaltigkeit. Der konservative Theoretiker Edmund Burke hat den Generationenvertrag in einen größeren Zusammenhang gerückt: "Society is a contract… a partnership not only between those who are living, but between those who are dead, those who are living, and those who are to be born." (Burke, 1790) Die Idee der Kontinuität unter Menschen ist traditionell und auf die offensichtlichste Art und Weise innerhalb der Familie gelebt worden. Burke hat im Wesentlichen einen privaten Vertrag erkannt, welcher in dramatischer Weise von den politischen Handlungen der französischen Revolutionäre verletzt worden ist. Das Wesen dieses Vertrages unterlag seit Burkes Zeit jedoch markanten Veränderungen.

In modernen Industriegesellschaften stellen Kinder kein Investitionsgut zur eigenen Alterssicherung mehr dar; Burkes Vertrag wurde kollektiviert bzw. sozialisiert. Heutzutage wird vom öffentlichen Sektor erwartet, die Familie in der Finanzierung von Bildung und Altersbezügen zu ersetzen. Aber sozialstaatliche Modelle stehen vor gewaltigen Herausforderungen. Nach einem Jahrhundert Erfahrung wissen wir, dass der Staat mit großer Wahrscheinlichkeit von denen in Beschlag genommen wird, die aktuell "da sind". In der Folge scheitern Staaten an dem Versprechen, ein faires Ergebnis zu erzielen. Das System kollektivierter generationenübergreifender Transfers wird zum Spielball der Politik, wodurch sowohl die Idee des Staates als auch die des Vertrags diskreditiert wird.

Der Arbeitsmarkt

Arbeitsmarktregulierung bietet Beschäftigungssicherheit, die vor allem älteren Beschäftigten zugutekommt, und verringert für Arbeitgeber den Anreiz, jüngere Arbeitskräfte einzustellen. Ein dualer bzw. geteilter Arbeitsmarkt, der im Besonderen für den europäischen Mittelmeerraum kennzeichnend ist, schützt die ältere Generation und stellt die jüngere Generation auf ein Nebengleis. Im Ergebnis haben die vielleicht nicht ausreichend, aber auf jeden Fall teuer ausgebildeten jungen Leute keine Möglichkeit, ihrerseits in den sozialen Vertrag einzuzahlen. Die relativ hohe Jugendarbeitslosigkeit ist ein Phänomen der Wirtschaftskrise der Eurozone und hat zu einer politischen Polarisierung und Radikalisierung geführt; das Phänomen einer hochgradigen Ausgrenzung aus dem Arbeitsmarkt in einigen Teilen Europas ist der Krise jedoch vorausgegangen. Die Abwanderung junger und talentierter Arbeitskräfte lässt die Alterspyramide noch schiefer stehen und gibt Anlass zu der Frage, wie die Sozialversicherungssysteme in Zukunft finanziert werden sollen.

Ausschluss vom Immobilienmarkt

Die Ressourcenallokation auf dem Wohnungsmarkt ist ineffizient und von Räumlichkeiten geprägt, die für ältere Menschen zu groß und für jüngere nicht verfügbar sind. Während ältere Menschen Immobilien besitzen, sind jüngere Käufer (speziell im städtischen Raum) von steigenden Preisen abgeschreckt (und können meist nicht einmal die unteren Sprossen der "Eigentumsleiter" erklimmen). Junge Beschäftigte oder Arbeitslose sind in besonderem Maße benachteiligt. Daher rührt auch der Umstand, dass viele junge Menschen weiterhin bis in ihre Dreißiger hinein bei ihren Eltern leben: das sogenannte "Hotel Mama" Phänomen, das besonders in Süd- und Osteuropa vorherrscht.

Altersbezüge und Gesundheit

In Vorausschau auf ihr eigenes zukünftiges Alter akkumulieren Erwachsene im Erwerbsalter entweder private Vermögenswerte oder Ansprüche auf staatliche Unterstützung. Die Sozialisierung der Altersversorgung ist rückblickend eine logische Folge der Investitionen in die jüngere Generation. Es ist notwendig, für die Zukunft derjenigen Generation zu sparen, die heute mittleren Alters ist und in die Bildung der zukünftigen erwerbstätigen Generation investiert. Im neuen sozialisierten Vertrag stellt dieses Sparen eine Entschädigung der heutigen Erwerbstätigen für Einkommensverluste dar, die diese durch die Finanzierung von Investitionen in die Bildung zukünftiger Erwerbstätiger erleiden. Der Begriff "Pay As You Go" erfasst das Wesen dieses Vertrags: Er beinhaltet eine implizite Rendite, die gleich dem Wachstum der Lohnsumme ist – nimmt die Fertilität ab, sinkt die Rendite; erhöht sich die Lebenserwartung, greifen Individuen mehr auf den Vertrag zurück.

Altersvorsorgepläne, die ursprünglich meistens als "Pay As You Go" Systeme konzipiert worden sind, stellen sich zunehmend als heikel heraus. Die Finanzierung der Rentenansprüche der jüngeren Generation ist gefährdet, da demographische Prognosen voraussagen, dass es weniger Verdiener geben wird, die in das System einzahlen werden ("as you go"). Darüber hinaus sind die Renten gestiegen, da die Bezüge oft indexiert sind und einen gewissen Anstieg garantieren, selbst dann wenn der Anstieg der Lebenshaltungskosten gering ist. Es gibt starke Argumente für eine Anhebung des Renteneintrittsalters, aber noch stärkeren politischen Druck, solche Reformen zu unterbinden.

In sozialisierten Krankenversicherungssystemen dominiert die immer teurer werdende Versorgung älterer Menschen die Kostenstruktur. Die Explosion der Gesundheitskosten wird die reichen europäischen Länder überproportional betreffen, welche mit großer Wahrscheinlichkeit auch eine Abwanderung insbesondere qualifizierter junger Menschen zu verzeichnen haben werden.

Teure Vermächtnisse

Wenn produktive und innovative (junge) Menschen ihr Heimatland verlassen, lassen sie einen stark verschuldeten Staat zurück, dessen Schulden dann von einer kleineren, weniger produktiven, alternden Bevölkerung bedient werden müssen. Auf gewisse Weise haben die einzelnen Bürger die Option, vor ihrer Staatsschuld "wegzulaufen", indem sie ihr Heimatland verlassen. Die Auswanderung kann als die "private Default-Option" eines Einzelnen auf Staatsverschuldung angesehen werden. Die Staatsverschuldung, die oftmals herangezogen wird, um die Vorteile der älteren Menschen zu bewahren, wird mehr und mehr untragbar.

Zuletzt bedrohen auch Umweltschäden die jüngere Generation, da die derzeitige Produktion nur günstig gehalten wird, indem Kosten, die die Beseitigung der angerichteten Umweltschäden mit sich bringen wird, auf kommende Generationen abgewälzt werden.

Europa steht radikalen Entscheidungen gegenüber, die bestimmen werden, wo die Verantwortung für das Etablieren und Einhalten eines effektiven und gerechten sozialen Vertrages liegt. In einer Welt hoher Mobilität steht das alte Modell konkurrierender nationaler Konzepte unter dem Druck möglicher Abwanderung. Es ist notwendig, einen Teil des Generationenvertrags zu "europäisieren" und ihn gleichzeitig vor politischer Einflussnahme zu schützen – eine Einflussnahme, die nicht nur von Staaten mit schwachen Leistungen und gescheiterten Politikmaßnahmen kommen kann, sondern auch von solchen mit scheinbar erfolgreichen ökonomischen Modellen.

Literatur

Burke, E. (1790), Reflections on the Revolution in France, J. Dodsley, London.

Pigou, A. C. (1932), The Economics of Welfare, Macmillan, London.

Fußnoten

[1] Diese Kolumne ist eine Übersetzung der im englischen erschienenen Kurzfassung zum Artikel: Andersen, Torben M., Giuseppe Bertola, John Driffill, Harold James, Hans-Werner Sinn, Jan-Egbert Sturm und Branko Uroševic, "Chapter 2: Intergenerational Fairness", EEAG Report on the European Economy 2016, 2016, S. 54–69.

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